Das Schweinesystem: Der abgeschirmte Mikrokosmos der Fleischindustrie


Die Branche hat einen abgeschirmten Mikrokosmos geschaffen, in der Mensch und Tier auf der Strecke bleiben. Gelingt es nun, daran etwas zu ändern?

Andreas Niesmann, Julia Rathcke | Frankfurter Rundschau

Muss Fleisch schlicht teurer werden? © imago/Hake

Der Skandal kommt unauffällig daher. Eine jener Unterkünfte für Westfleisch-Mitarbeiter, die wegen des Corona-Virus unter Quarantäne gestellt sind, liegt an der Hauptstraße mitten in der kleinen Gemeinde Rosendahl im nordrhein-westfälischen Kreis Coesfeld, ein Klinkerbau. Links eine lange vor der Pandemie verlassene Kneipe, rechts ein Grillimbiss, 150 Meter weiter das Rathaus und eine Apotheke.

Vor den Wohnhäusern steht ein Mann vom Sicherheitsdienst, die Einfahrt ist mit einem Bauzaun abgesperrt, die Rollläden an den Fenstern sind heruntergelassen. Wo die Arbeiter leben, weiß jeder. Wer sie sind, weiß niemand. In der Apotheke hätten sie nie eingekauft, heißt es, und ein Rentnerpaar, das gerade eine E-Bike-Pause macht, sagt: „Wir wissen gar nichts zu Westfleisch!“ – noch bevor ihnen eine Frage gestellt wurde.

Unterkünfte wie die in Rosendahl und der Gesundheitszustand der Bewohner sind plötzlich zu einem bundesweiten Thema geworden. Denn die Nachrichten von Corona-Ausbrüchen in Schlachthöfen reißen nicht mehr ab.

Coesfeld, Oer-Erkenschwick, Pforzheim, Bad Bramstedt und nun Dissen im Landkreis Osnabrück – nahezu täglich werden neue Ausbruchsherde in Schlacht- und Zerlegebetrieben der Fleischwirtschaft gemeldet. Die Infektionsraten sind meist erschreckend hoch. Fast scheint es so, als finde die gefürchtete zweite Corona-Welle gerade in den Schlachthöfen der Republik statt.

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