Natalie Grams: „Impfgegner neigen auch zu Verschwörungstheorien“


Die deutsche Ärztin hat ein Buch darüber geschrieben, was wirklich wirkt. Anhängern von Alternativmedizin fehlt oft das Urteilsvermögen, sagt sie

Interview Karin Pollack | DERSTANDARD

Natalie Grams ist Ärztin und Buchautorin. Foto: Robert Newald

STANDARD: Sie sind Ärztin, haben ein Buch geschrieben und es unmittelbar vor dem Ausbruch der Corona-Krise auf den Markt gebracht. Was hat Sie in den letzten Wochen am Umgang mit der Infektionsgefahr besonders erstaunt?

Grams: In guten Zeiten sagt man ja oft über die sanfte Medizin „Wenn sie nicht hilft, so schadet sie nicht“. Nun sehen wir überdeutlich, dass das nicht stimmt. Wer beispielsweise über die Homöopathie das Vertrauen in die Medizin, die Wissenschaft oder einfach auch die Rationalität verloren hat, der verfällt nun auch leichter den Verschwörungstheorien rund um Corona. Weil einfach eher der Maßstab fehlt: Wie beurteile ich, was stimmt und was nicht, was wirkt und was nicht? Es erstaunt mich, dass das Problem nicht vorher schon deutlich wurde.

STANDARD: Sie waren einmal Alternativmedizinerin. Der Titel Ihres Buches ist: „Was wirklich wirkt“. Was genau ist Ihre Position heute?

Grams: Wer krank ist, braucht Hilfe. Das steht außer Frage. Es gibt viele Dinge, die in so einer Situation wirken. Zuwendung ist für Kranke sehr wichtig, aber auch Medikamente oder Therapiemethoden können Beschwerden lindern. Mir geht es darum, zu erklären, was die Medizin unter spezifischer Wirksamkeit versteht, weil ich es für ein wichtiges Prinzip bei der Behandlung von Patienten halte.

STANDARD: Und was genau ist eine spezifische Wirksamkeit?

Grams: Die Sicherheit, dass A, also die Medikamentengabe, mit einer bekannten Wahrscheinlichkeit zu B, der Beschwerdebesserung, führt. Gesundheitsempfehlungen laufen ja oft über Mundpropaganda. Nach dem Prinzip: Was mir hilft, wird schon auch dir helfen. Wenn es sich um eine Erkrankung im Bagatellbereich handelt, ist das auch nicht weiter schlimm. Viele Erkrankungen vergehen ja auch wieder von allein. Doch wenn es um schwerere Erkrankungen geht, ist es wichtig zu wissen, was wirklich, also nachweislich und spezifisch wirkt. Da sollte man nicht allein auf den Faktor Zeit oder die Einzelerfahrung setzen, wie das die Alternativmedizin oft tut. Wir brauchen die Wissenschaft, um herauszufinden, ob A verlässlich und objektivierbar zu B führt.

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