Falsche Deutungen der Bibel: „Manche Stellen muss man mit Warnhinweisen kennzeichnen“


Gott hat den Himmel geschaffen, die Juden haben Jesus getötet, Homosexualität erregt göttlichen Zorn – solche Deutungen der Bibel halten sich hartnäckig. Der Theologe Thomas Hieke erklärt in einem neuen Buch, wo die Bibel falsch verstanden wird. „Schlechte Traditionen muss man beenden“, sagte er im Dlf.

Thomas Hieke im Gespräch mit Christiane Florin | Deutschlandfunk

Bibelstellen müssen in Kontexte gesetzt und im Abgleich mit anderen Auslegungen interpretiert werden, so der Theologe Thomas Hieke. (imago/Ikon Images/Gary Waters)

Christiane Florin: Die Bibel ist eine Textsammlung, ein Kanon von Schriften, auf den sich kirchliche Entscheider verständigt haben. Die katholische und die evangelische Bibel enthalten unterschiedliche Bücher. Es gibt die Bibel in vielen verschiedenen Übersetzungen ins Deutsche, dazu noch Ausgaben in gerechter, in leichter und in Jugendsprache. DIE Bibel ist eigentlich eine Untertreibung. Es gibt viele Bibeln.

Thomas Hieke, der Gesprächspartner der heutigen Sendung, ist Professor für katholische Theologie an der Universität Mainz. Sein Spezialgebiet ist das Alte Testament. Er hat ein Buch herausgegeben mit dem Titel „Bibel, falsch verstanden.“ Es ist eine Ansammlung von bewusst einseitigen Deutungen, von ungenauen Übersetzungen und dem hartnäckigen Wunsch, menschliche Diskriminierungsabsicht göttlich begründen zu können. Mit Thomas Hieke habe ich vergangene Woche gesprochen und ich habe ihn zunächst gefragt, was an diesem Buch, das auf so vielen menschlichen Übereinkünften basiert, was also an der Bibel göttlich sein soll.

Thomas Hieke: Die Bibel ist keine göttliche Instruktion wie eine Betriebsanleitung oder eine Software, die wir abarbeiten müssten. Im Zweiten Petrusbrief 1,21 sagt die Bibel selbst, was sie ist: Vom Heiligen Geist getrieben, haben Menschen im Auftrag Gottes geredet. Die Bibel ist also nicht vom Himmel gefallen, sondern sie ist Gottes Wort in Menschenwort. Wie jedes Menschenwort ist auch die Bibel nicht ohne Auslegung, nicht ohne Interpretation zu verstehen. Schon jede Übersetzung ist eine Interpretation. Jedes Lesen, jedes Vorlesen ist schon eine Auslegung. Es ist auch unsinnig zu sagen: Ich nehme die Bibel wörtlich, denn das wäre auch Interpretation und noch dazu eine unangemessene. Ich sehe die Bibel als einen Schatz von Lebenserfahrungen von Menschen, und dieser Schatz, diese Lebenserfahrungen, sind zu Literatur kristallisiert. Wenn wir diese Literatur behutsam lesen, dann werden wir von diesen Lebens- und Gotteserfahrungen profitieren. Ich habe so einen kleinen Universalschlüssel für die Auslegung der Bibel, und er steht in Levitikus 18,5 ziemlich versteckt. Da heißt es: Der Mensch, der danach handelt, nämlich nach der Weisung Gottes nach der Thora, wird leben. Das heißt, ein gelingendes Leben ist das Ziel. Wenn aber eine Auslegung der Bibel zum Leben nicht mehr befähigt, sondern vor dem Leben Angst macht, dann ist, glaube ich, die Auslegung falsch.

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