Marcel Proust: Der Zionist


Proust, antijüdisch? Ein französischer Literaturwissenschaftler studiert die damalige jüdische Rezeption – und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis.

Jürg Altwegg | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Reise in ein verlorenes Land? Ausschnitt aus dem Film „Le temps retrouvé“, 1999. Bild: Picture-Alliance

Das spannendste Feuilleton dieser Wochen verdankt seine vorgezogene und frei zugängliche Veröffentlichung auf dem Internetportal des Collège de France dem Coronavirus. Seit mehr als einem Jahrzehnt besetzt Antoine Compagnon den Lehrstuhl für zeitgenössische Literatur. Nach seinem Technologiestudium sah der Ingenieur ein, dass ihn der Bau von Straßen und Brücken langweilt. Noch immer behauptet er, die Literatur als Autodidakt und Amateur zu betreiben. Doch längst hat er auch als Literaturwissenschaftler einen Namen. In der Freiheit des Collège de France, das nicht den Regeln des akademischen Betriebs unterliegt, konnte er sein Genie der Vermittlung entfalten.

Dieses Jahr wird er siebzig – es ist sein letztes am Collège de France. Zum Abschied beschäftigt er sich mit Proust: Weil seine Vorlesungen nicht mehr stattfinden können, stellt Compagnon die Kapitel seines nächsten Buchs gratis ins Netz. Inzwischen ist die fünfte Folge freigeschaltet. Sie handelt von „La Revue juive“, von der Marcel Proust als Schrift- und Hausheiliger verehrt wurde. Er hatte den Antisemitismus der Dreyfus-Affäre erlebt, doch wie die meisten jüdischen Intellektuellen fühlte Proust sich im Ersten Weltkrieg als Teil der nationalen „Union sacrée“. 1919 bekam er für „Im Schatten junger Mädchenblüte“ den Prix Goncourt.

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