„Rücktritt von der nuklearen Schwelle“


Air Force-General Benton Luke Davis (1928-2012) war eher ein heißer als ein kalter Krieger. Allein in Vietnam flog er 142 Einsätze. Gegen Ende seines aktiven Dienstes leitete er das für die Ausführung des Nuklearkriegs zuständige Strategic Air Command und war verantwortlich für die Ausarbeitung der Zielauswahl.

Markus Kompa | TELEPOLIS

Seit 1960 arbeiteten Militärs an dem sogenannten Single Integrated Operational Plan (SIOP), ursprünglich ein Aufrüstungsprogramm für einen nuklearen Vernichtungsschlag. Vieles ist noch immer geheim, bekannt gewordene Details wie die Vernichtung pharmazeutischer Fabriken sowie nachträgliche Schläge gegen wiederaufgebaute wirtschaftliche Ziele lassen erahnen, warum (Atombomben auf Ost-Berlin).

1984, kurz vor seiner Pensionierung, schrieb Davis als höchster militärischer Nuklearstratege an Ronald Reagans Verteidigungsminister Caspar Weinberger einen geheimen Brief, der nunmehr von den USA freigegeben wurde. Davis waren wie anderen Insidern Diskrepanzen zwischen den Weisungen des kriegslüsternden Präsidenten und der militärischen Realität aufgefallen. Reagan unterlag damals dem Einfluss etwa des pensionierten Generals Lyman Louis Lemnitzer, dessen erster SIOP für 1962 einen anlasslosen Überraschungsschlag gegen die Sowjetunion und China vorsah.

Die Sowjets hatten jedoch durchaus einen Überblick über Absichten und Fähigkeiten des US-Militärs. 1983 war im Moskauer Politbüro ein Mann Zeuge einer lange im Westen unbekannten Krise geworden, die „um Haaresbreite“ zum von John F. Kennedy stets befürchteten „Atomkrieg aus Versehen“ geführt hätte. Während Reagan 1984 seine Rhetorik hochfuhr und in Westdeutschland die Pershing II-Raketen stationieren ließ, sandte jener damals noch in der zweiten Reihe stehende Russe andere Signale: Michael Gorbatschow.

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