Wie Žižek und Co. das Virus durch den Denkwolf drehen


Die Pandemie mit ihren rigiden Vorschriften wirkt auf viele wie ein Katalysator: Unter dem Eindruck von Corona sehen Denker ihre Befürchtungen bestätigt

Ronald Pohl | DERSTANDARD

Massimo Cacciari (75), Philosoph und einst hochgeschätzter Bürgermeister von Venedig: „Ich verachte die dummen hygienischen Vorstellungen der Bourgeoisie.“ Foto: imago/IPA/Imbrogno

Für manche nicht allzu stark Betroffene schienen die Ausgangsbeschränkungen noch ein Segen. Das Aussitzen der schlimmsten Pandemiefolgen verhieß solchen minder ernst veranlagten Geistern die Verwirklichung von zwei zur Nachahmung empfohlenen Praktiken: Abwarten und Teetrinken.

Falsch, beschied der slowenische Starphilosoph Slavoj Žižek postwendend allen Freunden von Aufgussgetränken. Die Kunst angemessener Corona-Bewältigung bestehe im Kaffeegenuss. Man konsumiert ohne Reue „Kaffee ohne Milch“. Menschen, die ohnehin schon immer lieber allein gelebt hätten, hätten früher „Isolation ohne Milch“ genossen. Sie wären jederzeit berechtigt gewesen, ihr Heim zu verlassen, entschieden sich jedoch aus freien Stücken dagegen.

Jetzt war es nur noch der pure Kaffee der Isolation, den die Betroffenen in geduldigen Schlucken schlürfen durften. Und so warb Žižek, der Allzweckphilosoph, unermüdlich um die Einsicht, dass man desto lieber in der tiefen Klemme sitzt, je bereitwilliger man die eigene, durchaus verzwickte Lage als bequeme Sitzhaltung auffasst. „Liebe dein Symptom wie dich selbst!“, so lautet die entsprechende Anweisung aus der Asservatenkammer von Jacques Lacans Psychoanalyse, deren Paradoxien Slavoj Žižek seit jeher beherzigt.

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