Das Ende des religiösen Lockdowns hat Brisanz

coronavirus sars-cov-2

Die Debatte um das Ende des Lockdowns für öffentliche Gottesdienste ist ein Spiegel für das Verhältnis von Religion und Gesellschaft.

Christian M. Rutishauser | Neue Zürcher Zeitung

Auch in den Schweizer Kirchen wird gelten: Abstand halten! Im Bild die erste Sonntagsmesse nach dem Lockdown in der Kathedrale von Brescia.  Matteo Biatta/imago

Der Bundesrat hat entschieden, dass ab 28. Mai öffentliche Gottesdienste wieder möglich sind. Das Datum wie auch die Tatsache, dass der Entscheid nach einem Gespräch mit dem Rat der Religionen veröffentlicht wurde, strafen die Vermutung Lüge, der Bundesrat habe bei den ersten Bekanntgaben zur Rückkehr in die Normalität die Kirchen vergessen. Sie wären eben in einer säkularen Gesellschaft zu wenig relevant. Das Ende des religiösen Lockdowns kommt nun nämlich genau einige Tage nach dem Ramadan sowie unmittelbar vor Shavuot und Pfingsten. Das ist kein Zufall, auch wenn es nicht lange vorausgeplant gewesen sein mag. Der muslimische Festkalender wurde also noch massiv beschnitten, weniger die jüdischen und die christlichen Feste. Will man dem Bundesrat keine religiöse Diskriminierung vorwerfen, so könnten dahinter doch Überlegungen stehen, dass gesundheitliche Schutzkonzepte beim Ramadan weniger durchgehalten werden können als bei Shavuot und Pfingsten.

Subsysteme der Gesellschaft

Auf jeden Fall war die Debatte um öffentliche Gottesdienste ein Spiegel für das Verhältnis von Religion und Gesellschaft. Ist Glaube nur Privatsache, kann er im Lockdown gut gelebt werden. Hat er auch gesellschaftliche Relevanz, ist die Frage, worin diese besteht. In der Motivation für soziales Engagement und bei einer Pandemie für seine Bestattungsrituale? Oder ist die Seelsorge für die Psychohygiene in Krisenzeiten von besonderer Bedeutung? Es besteht ein breiter Konsens, dass Religion hilft, Leiden und Sterblichkeit sinnstiftend zu bewältigen sowie stützende Gemeinschaft zu bieten.

weiterlesen