Mut zur Unmündigkeit! – oder: Habe den Mut, dich deines Verstandes NICHT zu bedienen


Trump nimmt ein Malaria-Medikament vorbeugend gegen Covid-19 ein, weil er „viele gute Geschichten darüber gehört“ hat. Wissenschaft und scharfsinniges Denken verlieren weltweit an Ansehen. Statt dessen ist eine „Logik à la Pippi Langstrumpf“ auf dem Vormarsch!

Leo Ensel | TELEPOLIS

Immanuel Kant. Bild: gemeinfrei

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft
Lass nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken
So hab ich dich schon unbedingt!

Goethe: Faust I

Am 19. Mai stand den entgeisterten Zuhörerinnen und Zuhörern des Deutschlandfunks für eine Weile der Mund offen, als ihnen aus den „Informationen am Morgen“ folgende Meldung entgegenquoll:

US-Präsident Trump nimmt nach eigener Aussage zur Vorbeugung gegen eine mögliche Corona-Infektion ein Malaria-Medikament ein. Er ignoriert damit die Einschätzung von Experten, laut denen es lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen verursachen kann. Die vorliegenden Studien zu Hydroxychloroquin konnten zudem nicht beweisen, dass es gegen Covid-19 wirkt. Trump sagte, zwar habe sein Arzt ihm das Mittel nicht empfohlen. Er habe aber viele gute Geschichten darüber gehört.

Deutschlandfunk

Und in Telepolis waren noch die ergänzenden Sätze des Präsidenten zu lesen: „Es scheint eine Wirkung zu haben. Vielleicht ist das so, vielleicht nicht …“

Amerikanisches Roulette

Nehmen wir mal an – aber man weiß ja heute nie! -, es habe sich hier tatsächlich um keine Fake News, sondern um die schlichte altmodische Wahrheit, definiert als „Übereinstimmung von Aussage und Factum“, gehandelt: Dann missachtet der mächtigste Mann der Welt also die Expertenwarnung vor lebensgefährlichen Nebenwirkungen eines Medikaments, er ignoriert empirische Studien, die dessen Wirksamkeit bislang nicht nachweisen konnten, sondern medikamentiert statt dessen als mündiger erster Bürger seines Staates sich selbst auf eigene Faust, weil er „viele gute Geschichten darüber gehört“ hat und weil es vielleicht eine Wirkung hat. Oder auch nicht!

Jeder Mensch ist offenbar nicht nur – die Frohe Botschaft eines Joseph Beuys vor einigen Jahrzehnten – ein Künstler; jeder Mensch ist zudem, man höre und staune: ein Arzt! Und zwar ohne langjährige universitäre und klinische Ausbildung. Noch vor wenigen Jahren wäre so etwas noch nicht mal als schlechter Witz durchgegangen!

Unwillkürlich fragt man sich, welche Entscheidungen dieser Präsident noch alle treffen wird, nur weil er über das Ein oder Andere „viel Gutes gehört“ hat … Vielleicht hat ja auch eine Atombombenzündung eine Wirkung – vielleicht aber auch nicht! Mit anderen Worten: Der – im ominösen Ernstfalle – Herr über Sein oder Nichtsein des gesamten Planeten plädiert in lebensentscheidenden Fragen für ein „entschiedenes Vielleicht“!

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