Das kleine Einmaleins des Leib-Seele-Problems


Das Leib-Seele-Problem hat in unserer Kultur eine lange Geschichte. Viele werden hier zuerst an den Philosophen, Mathematiker und Physiologen René Descartes (1596-1650) denken. Dieser trennte Körper (beziehungsweise ausgedehnte Dinge) und Seelen (beziehungsweise denkende Dinge) begrifflich in zwei Domänen. Diese stünden im Menschen – und auch nur in ihm – vor allem in der Zirbeldrüse (Epiphyse) miteinander in Verbindung. Dieses Organ schien Descartes wegen seiner zentralen Lage im Gehirn der passende Ort für die Leib-Seele-Wechselwirkung.

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Beschreibung: Das Titelbild ist ein Gemälde des deutschen Malers und Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer (1888-1943) aus dem Jahr 1937. Es ist eine Hommage an den emeritierten Magdeburger Professor für Theoretische Philosophie Arno Ros, auf den mich bei einem früheren Artikel zum Leib-Seele-Problem ein Leser aufmerksam machte. Ros verwendete auf seinem Buch „Materie und Geist: Eine philosophische Untersuchung“, in dem er ähnliche Ziele verfolgt wie ich im folgenden Text, ein Gemälde desselben Künstlers. Schlemmer ist übrigens auch ein trauriges Beispiel dafür, zu welchen Verwerfungen der 70-jährige Urheberrechtsschutz führen kann. Denn seine Erben verhinderten mit vielen Klagen, dass seine Kunst ausgestellt werden konnte, bis der Schutz 2014 ein für alle Mal auslief. Bild: Sailko/CC BY-3.0

Ich möchte hier aber noch einmal ziemlich genau 2000 Jahre länger in unserer Kulturgeschichte zurückgehen, nämlich zu keinem Geringeren als Sokrates (469-399 v.Chr.). Dieser saß nach seiner Verurteilung wegen Gottesfrevels und verderblichen Einflusses auf die Jugend im Gefängnis und wartete auf seinen Tod. Mit seinen kritischen Fragen hatte er zu viele Athener gegen sich aufgebracht.

Seine Schüler und Freunde, darunter der Simmias aus wohlhabendem Hause, hatten ihm die Flucht ermöglichen wollen. Doch Sokrates blieb. Und er blieb mit Fassung, seinen Idealen treu, obwohl er den Urteilsspruch für ungerecht hielt. So will es die literarische Überlieferung seines Schülers Platon. Und dort im Gefängnis besuchten ihn noch einmal seine Schüler Phaidon, nach dem Sokrates‘ letzte Unterweisungen benannt sind, Simmias und Kebes.

Ein Grund für die Gefasstheit des Philosophen, während viele seiner Freunde schon um ihn trauerten, war dessen unerschütterlicher Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Auch heute, fast 2500 Jahre später, verwundert es uns nicht, dass Menschen sich im Angesicht des Todes Gedanken über das Jenseits machen. Hier soll es aber nicht um Sokrates‘ Seelenlehre gehen.

Erklärung sozialer Sachverhalte

Für diejenigen unter uns, die noch für unbestimmte Zeit im Diesseits verharren, stellt sich eine andere interessante Frage: Warum war Sokrates im Gefängnis? Oder allgemeiner gefragt: Was gilt als Erklärung für Sachverhalte wie dem, dass der Philosoph dortblieb – und nicht etwa mit seinen Freunden geflohen war?

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