Coronavirus in Asylunterkünften: Blinder Fleck im Infektionsschutz

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Flüchtlingsheime sind schlecht gerüstet und reagieren mit problematischen Methoden auf Covid-19-Ausbrüche. Forscher äußern jetzt rechtliche und ethische Bedenken zur Kollektivquarantäne.

Berit Uhlmann | Süddeutsche Zeitung

Foto: Uwe Lein, dpa. Wegen einer Reihe von Infektionen mit dem Coronavirus wurden 58 Menschen aus dieser Einrichtung in Rosenheim in andere Landkreise verlegt.

Manchmal wurden zusätzliche Zäune hochgezogen, Polizei und Bundeswehr herbeigerufen. Hubschrauber privater Sicherheitsfirmen kreisten über den Gebäuden, um sicherzustellen, dass niemand dort herauskam, wo das neue Coronavirus eingebrochen war. Deutschlandweit wurden bisher Tausende Flüchtlinge pauschal in ihren Unterkünften festgehalten – selbst wenn sie gar nicht in Kontakt zu Infizierten gekommen waren und die Einrichtungen mit oft Hunderten Einwohnern kaum Möglichkeiten boten, sich vor einer Ansteckung zu schützen. „Problematisch“, lautet der Kommentar von Public-Health-Forschern, die die Situation der Geflüchteten in der Corona-Krise analysiert und eine Stellungnahme für die Politik erarbeitet haben.

Ein Team um den Epidemiologen Kayvan Bozorgmehr von der Universität Bielefeld hat Covid-19-Ausbrüche in 42 deutschen Aufnahmeeinrichtungen und Sammelunterkünften ausgewertet. Fast 9800 Menschen lebten dort. Innerhalb dieser Unterkünfte griff das Virus in sehr unterschiedlichem Maße um sich. Während sich beispielsweise in einer Bonner Erstaufnahmeeinrichtung lediglich ein Mensch infizierte, steckten sich in einem Flüchtlingsheim im baden-württembergischen Ellwangen zwei Drittel der 600 Bewohner an. Insgesamt, so zeigten die Forscher, lag das Ansteckungsrisiko für alle Bewohner bei 17 Prozent, sobald das Virus erst einmal in die Unterkunft gelangt war. Das ist eine Größenordnung, die auch für den Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess ermittelt wurde.

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