Stunden der Wahrheit auf dem Felsgrund des Atheismus


Die Pandemie des Corona-Virus hat einen Schock ausgelöst, der an die Katastrophe des großen Erdbebens in Lissabon erinnern könnte, das im Jahr 1755 viele Gewissheiten radikal in Frage stellte.

Kurt Koch | CNA

In religiöser Hinsicht sind Zweifel an der Güte Gottes und vor allem an seiner Allmacht aufgekommen. Das schreckliche Leiden und Sterben so vieler Menschen ist zur viel größeren Infragestellung der Existenz Gottes geworden als alle aufgeklärten philosophischen Theorien und erkenntnistheoretischen Traktate. „Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz und das Leid“, schrieb Georg Büchner 1835: „Das ist der Fels des Atheismus.“ Dieses neue Credo ist undenkbar ohne Lissabon und seine Folgen.

Heute hingegen unterscheiden sich die durchschnittlichen Reaktionen auf Corona in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit erheblich von den Reaktionen auf Lissabon im achtzehnten Jahrhundert. Allgemein lässt sich eine große Zurückhaltung feststellen, die Corona-Krise mit religiösen Augen zu deuten, und eine gewisse Sprachlosigkeit im Blick auf Fragen des Glaubens fällt selbst in den Kirchen auf. Die am meisten zu vernehmende Botschaft ist diejenige, dass es sich bei der Corona-Krise auf keinen Fall um eine Strafe Gottes handeln könne. Dass dieses düstere Wort von einem strafenden Gott zurückgewiesen wird, ist bereits deshalb angebracht, weil die Corona-Krise – wie so viele Katastrophen in Geschichte und Gegenwart – am schwersten die Armen und ohnehin schon Leidenden trifft; jetzt wieder in Afrika und besonders in Amazonien. Der Gedanke, dass Gott, der als „Pater pauperum“ eine besondere Vorliebe für die Armen hegt, ein Virus erfunden haben sollte, um die Menschheit und vor allem die Armen zu bestrafen, ist in der Tat unerträglich.

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