Zwischen Easy Living und Kontrolle – Willkommen in der Neuen Normalität


In den letzten Tagen konnte man in Berlin die vielzitierte neue Normalität in der Nach-Corona-Zeit gut beobachten. Die Straßen füllen sich wieder, nur die Touristen fehlen noch. Straßenmusiker treten wieder auf und die Menschen bleiben auch wieder stehen. Doch nicht nur die allgegenwärtigen Masken zeigen, dass wir weit von einer Normalität entfernt sind.

Peter Nowak | TELEPOLIS

Das Innenministerium holt deutsche Polizeibeamte wegen Corona-Verdacht aus Afghanistan zurück, das zweite Mal innerhalb weniger Tage. Dabei wird nur lapidar erklärt, dass sich die Beamten, die in einer gesicherten Anlage leben, womöglich durch afghanische Bedienstete angesteckt haben. Die Frage, welche Folgen die Corona-Verbreitung in dem durch verschiedene Kriege zerstörten Land mit einem desolaten Gesundheitssystem hat, wird allerdings nicht gestellt. Statt also eine Gesundheitsstation in Afghanistan aufzubauen, von dem alle von dem Virus Betroffenen profitieren können, werden für viel Geld Rückholaktionen für deutsche Staatsbürger nur wegen Corona-Verdacht organisiert. Daran wird wieder mal deutlich, dass die Menschen im globalen Norden gerade bei einer solchen Pandemie ihre Privilegien zu verteidigen wissen. Das Neue daran ist, dass man das auch ganz unverdeckt praktiziert.

Die neue Normalität wird auch in Göttingen anschaulich vorgeführt. Da wurde ein Corona-Ausbruch vermeldet und ein Hochhaus gezeigt, aus dem ein Mann von der Polizei geholt wurde, weil er gegen Quarantäne-Auflagen verstoßen haben soll. Offenbar seien Kontaktbeschränkungen nicht eingehalten worden, heißt es im Text. Deutlich gemacht wurde, dass weiterhin das Infektionsschutzgesetz herrscht, aufgrund dessen Menschen aus ihrer Wohnung geholt werden können, weil sie gegen Auflagen verstoßen haben sollen. Der Mann, der mehrfach gegen Auflagen verstoßen haben soll, befindet sich jetzt „unter Hausarrest in einer stadteigenen Wohnung, wo er bewacht wird“.

Warum wurde auf die besondere Kontrolle der Shisha-Bars hingewiesen?

Zudem wurde die besondere Kontrolle der Shisha-Bars in Göttingen angekündigt. Dabei scheint vergessen, dass nach dem rassistischen Amoklauf von Hanau, bei dem 9 Menschen meist in diesen Bars ermordet wurden, auch in liberalen Medien gewarnt wurde, Shisha-Bars zu stigmatisieren. Wenn tausende Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz in Niedersachsen und Bremen vermeldet werden, ist schon zu fragen, warum dann auch bei den Kontrollen die Shisha-Bars besonders herausgestellt werden. Es hatten sich auch Menschen in Gottesdiensten und in Speiserestaurants angesteckt, ohne dass diese Örtlichkeiten und Lokalitäten besonders herausgestellt wurden.

Zudem ist die Ver- und Gebotsliste von Bundesland zu Bundesland verschieden. Dass kann dazu führen, dass in einer Stadt Menschen wegen Aktivitäten ermittelt wird, die in anderen Städten erlaubt sind. Dabei wird oft vergessen, dass die dystrophischen Prognosen über die Folgen von Corona in Deutschland nicht eingetreten sind. Nach dem jetzigen Stand könnten sich die Menschen bestätigt sehen, die bereits vor Wochen davor warnten, den Coronavirus zum Killervirus zu dämonisieren und die die neue Krankheit mit einer Grippe verglichen haben. Das wurde zeitweise in die Nähe einer Corona-Leugnung gestellt. Dabei muss es nicht darum gehen, Corona und die Grippe zu verharmlosen. Beide Krankheiten können gefährlich sein und sollten ernst genommen werden.

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