„Der schwarze Hintergrund, vor dem Christen sich profilierten“


Jesus war Jude – die christliche Theologie brauchte lange, um das anzuerkennen. Auch jüdische Gelehrte taten sich schwer mit dem Mann, in dessen Namen Christen missionierten und mordeten. Walter Homolka beschreibt in seinem neuen Buch die Heimholung Jesu – und kritisiert Joseph Ratzinger scharf.

Walter Homolka im Gespräch mit Christiane Florin | Deutschlandfunk

Walter Homolka hat ein Buch zum Juden Jesus vorgelegt (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Christiane Florin: Jesus war Jude. Eine Binsenweisheit, so scheint es. Aber die drei Worte haben es in sich. Wem gehört Jesus, zu wem gehört er und was ist dieser Jesus sonst noch: Prophet, Retter, Erlöser, Religionsstifter, Herr der Kirche? Jesus war Jude – der Satz kann polarisieren und verbinden, er kann einladen und ausschließen. Walter Homolka, Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, hat über die Geschichte dieses Satzes ein Buch geschrieben, das heute erscheint. Walter Homolka ist Hochschullehrer, Mitglied der Rabbinerkonferenz und Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland. Als Jugendlicher ist er zum Judentum konvertiert. Was provoziert an dem Satz: Jesus war Jude?

Walter Homolka: Heute, glaube ich, wird das nicht mehr so viele Leute hinter dem Ofen hervorholen. Als das (der protestantische Theologe Julius) Wellhausen zuerst gesagt hat im 19. Jahrhundert, war das von enormer Sprengkraft. Man kann es sehr gut sehen an einem Vorfall aus der Kunst: Da hat Max Liebermann den jungen Jesus im Tempel gemalt – und zwar als Judenjungen.

Das hat zu einem dramatischen Feuilleton-Streit geführt. Der bayerische Landtag hatte eine Sondersitzung darüber. Das führte dann dazu, dass Max Liebermann diesen Jesus übermalen musste und ihn zu einem blonden, fast arisch anmutenden Kind machen musste, weil die Sehgewohnheiten der Menschen des 19. Jahrhunderts das gar nicht ertragen konnten, dass „ihr“ Jesus da so einen Nahost-Touch bekam bei Liebermann.

Florin: Wen provozierte dieser Satz oder auch dieses Bild?

Homolka: Im 19. Jahrhundert herrschte, gerade im Königreich Preußen, die Ideologie vom christlichen Staat vor. Friedrich Wilhelm IV., gerade wird ja auch seine Kuppel am Schloss in Berlin diskutiert, ging davon aus, dass ein christlicher Souverän einem christlichen Staat vorsteht und dass deswegen auch alle Positionen mit Autorität – vom Universitätslehrer bis zum Postbeamten – nicht von einem Nicht-Christen besetzt werden können. In einer solchen Situation ist natürlich die Aussage „Jesus war Jude“ schon dramatisch.

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