„Wir wissen alle nicht, ob Amri den LKW gefahren hat“

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Es ist ein Satz wie ein Verdikt, das die massiven Zweifel an der offiziellen Tat- und Täterversion des Anschlags vom Breitscheidplatz in Berlin zum Ausdruck bringt: „Wir wissen alle nicht, ob Anis Amri gefahren ist. Aber nach der Spurenlage waren noch andere Personen im LKW.“

Thomas Moser | TELEPOLIS

Bild vom Abend des Anschlags am Breitscheidplatz: Andreas Trojak / CC-BY-2.0 / Grafik: TP

Gesagt hat ihn der Grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz im Laufe der jüngsten Sitzung des Untersuchungsausschusses. Das vernichtende Urteil galt einem Kriminalhauptkommissar des BKA, der viele Spuren nicht erklären konnte, aber trotzdem an der offiziellen Amri-Alleintäter-Version festhielt – so wie vor und nach ihm weitere BKA-KollegInnen.

Die Arbeit des Untersuchungsgremiums drängt zu einer Konsequenz: War Amri der Mann, der im LKW saß? „Wir wissen nicht, ob es Amri war“, heißt noch nicht: „Amri war es nicht.“ Aber wir stehen unmittelbar vor dieser Feststellung. Von Notz spricht inzwischen nur vom „vermeintlichen Attentäter Amri“. Das ist weniger als die Formel vom „mutmaßlichen Täter“ und viel weniger als die Behauptung: „Amri war der Täter.“

Das Drängen zur Konsequenz beinhaltet auch die Frage: Warum haben sich die zentralen Ermittlungsinstanzen so mutwillig auf den angeblichen Alleintäter Amri festgelegt? Der Tunesier war zweifelsfrei zur Tatzeit in Tatortnähe. Das belegt die Videoaufnahme von 20:06 Uhr in der U-Bahnunterführung am Bahnhof Zoo. Und er war im Besitz der Tatpistole. Er war mindestens Teil einer Tätergruppierung. Wenn er aber nicht der Fahrer war, dann saß jemand anderes am Steuer des Mordfahrzeuges.

Das heißt zugleich: Der Anschlag ist offen. Täter und Mittäter sind noch zu suchen. Amri kann dabei als erster gesicherter Mittäter angesehen werden. Für dieses Szenario spricht inzwischen mehr, als für die offizielle Version. Ermittler, aber auch die politischen Aufklärer in den Untersuchungsausschüssen müssen sich mit weiteren Personen, die in Verbindung zu Amri standen, beschäftigen – ähnlich gründlich wie mit der Person Amri und inklusive der nicht wenigen V-Personen von Sicherheitsbehörden in diesem Umfeld. Durch die nahezu ausschließliche Konzentration auf Amri wurde viel Zeit vertan.

Der Fall erweist sich so gesehen auch als Exempel, wie mit dem Setzen eines Namens ein ganzer Apparat manipuliert und in eine bestimmte Richtung gelenkt werden kann – ob beabsichtigt oder nicht, sei einmal dahin gestellt.

Die fragwürdige Beweislage im Fall Breitscheidplatz erinnert frappierend an die gescheiterte Aufklärung anderer Terroranschläge, wie bei den Komplexen NSU oder Oktoberfestbombe in München. Die (Allein-)Täterschaft von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in der NSU-Mordserie ist genauso wenig nachgewiesen, wie die von Gundolf Köhler im Fall der Bombe auf das Oktoberfest. Für alle drei Terrorkomplexe gilt: So, wie es die Bundesanwaltschaft darstellt, die oberste Strafverfolgungsbehörde der Bundesrepublik, war es nicht. Nur: Wie es war, das kann man zur Zeit nicht sagen.

Die Aussage: „Wir wissen nicht, ob es Amri war, der den LKW gefahren hat“, ergibt sich unter anderem aus dem zweifelhaften Spurenbild. Welche forensischen Spuren stützen die Annahme, dass Amri den LKW gesteuert, den Anschlag begangen und den Speditionsfahrer Lukasz Urban erschossen hat? Wie weist man nach, dass der Flüchtige der Fahrer des LKW war, wenn man keine Spuren von ihm im LKW findet? Wurde an der Kleidung von Amri ebenfalls Glasmehl festgestellt, so wie an der von Urban, der im LKW lag? Einige der Fragen im Ausschuss, die die BKA-Kriminalisten nicht eindeutig beantworten können.

Das Spurenbild macht es im Gegenteil möglich, dass andere Personen im LKW saßen.

Fakt ist inzwischen, dass von Anis Amri in der Fahrerkabine des LKW definitiv keine Fingerabdrücke gefunden wurden. Nicht am Lenkrad, nicht am Schaltknüppel, am Armaturenbrett oder an der Innenseite der Fahrertüre beispielsweise.

Gesichert wurden lediglich zwei Finger- bzw. Handspuren Amris außen an der Fahrertüre. Eine umfasst Handfläche, Daumen und drei Finger der rechten Hand. Nach Einschätzung des BKA entstand der Abdruck, „wie beim Zudrücken der Tür von außen“. Wie kann man eine Tür von außen zudrücken und dann im Fahrzeug sitzen? Und wie soll Amri den „Zaubertrick“ (Konstantin von Notz) begangen haben, zwar an der Fahrertür seine Fingerabdrücke zu hinterlassen, dann, obwohl er sich 30 Minuten im LKW aufgehalten und bewegt haben soll, keinen einzigen mehr? Lassen die Ermittler alle diese Widersprüche unberücksichtigt, weil sie nicht zur Theorie vom Einzeltäter Amri passen?

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