Der Glaube ist kein Muss


Die Corona-Pandemie hat uns schlagartig bewusst gemacht, welche Systeme, Institutionen und Berufsgruppen, wenn es in ernsten Krisenzeiten hart auf hart kommt, wirklich wichtig sind. „Systemrelevanz“ ist der neue Wertmaßstab im gesellschaftlichen Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wer ihm nicht gerecht wird, ist augenscheinlich systemirrelevant.

Ulrich H. J. Körtner | ZEIT ONLINE

Inzwischen ist eine Debatte darüber entbrannt, wie systemrelevant die Kirchen seit Ausbruch der Corona-Pandemie noch sind. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er braucht auch Kultur. Aber braucht er auch Religion? Und braucht er, falls er religiöse Bedürfnisse hat, dafür unbedingt die Kirchen?

Die Corona-Krise entpuppt sich als Brennglas und Trigger epochaler Säkularisierungsprozesse. Dass die Gotteshäuser als Schutzmaßnahme geschlossen werden mussten – Kirchen gleichermaßen wie Synagogen und Moscheen –, wurde in der Öffentlichkeit kaum als großer Verlust wahrgenommen. Vielfach wurde in der Lockdown-Phase auch die Seelsorge aus Kliniken und Pflegeeinrichtungen ausgesperrt. Das löste zwar Kritik aus, doch mussten Seelsorger im Bereitschaftsdienst auch die Erfahrung machen, gar nicht gerufen zu werden. Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich keineswegs wegduckten, sondern virtuelle Seelsorgeangebote entwickelten und neue Formen gottesdienstlichen Lebens im Internet erprobten, sind jedenfalls nicht als Heldinnen und Helden der Krise beklatscht worden. Die Mitgliederzahlen der Kirchen schrumpfen weiter, ihre Einnahmen brechen weg.

Der Soziologe Rudolf Stichweh prophezeit, das „System der Religion könnte sich als der eigentliche Verlierer der Corona-Krise erweisen“, spielten doch religiöse Deutungsversuche für die durch Covid-19 ausgelöste Krise abseits binnenkirchlicher Milieus keine relevante Rolle mehr. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, hält dagegen. Die Kirchen seien „im wahrsten Sinne des Wortes systemrelevant“, stünden sie doch gemeinsam mit den Kommunen an vorderster Front bei der Eindämmung der Pandemie und ihrer Folgen.

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