Trumps USA: Ende des amerikanischen Experiments?


„Wir Europäer denken falsch, wenn wir glauben, dass die amerikanische Demokratie wie die europäische funktioniert.“ – Ein Interview mit Roland Benedikter

Johannes Vötter | TELEPOLIS

Bild: Engin Akyurt / Pixabay

Kein Tag ohne Bilder von Protesten in Washington, Minneapolis, Detroit & Co: Die Lage in den USA bleibt angespannt – und die Front gegen Donald Trumps politisch harten Kurs immer größer. Dabei geht es längst nicht mehr um die Tötung des Afroamerikaners George Floyd infolge eines Polizeieinsatzes, sondern um die Absage an den Alltagsrassismus und ein in seinen Grundfesten erschüttertes Amerika. Wie aber ist das von hier aus einzuschätzen? USA-Experte Roland Benedikter analysiert im Interview die politisch-soziale Situation im und vor dem „Weißen Haus“.

Die USA sind unter Präsident Donald Trump derzeit mit Protesten und Aufständen konfrontiert, wie man sie lange nicht gesehen hat. Das Land ist gespalten. Wie ist die Protestwelle tatsächlich einzuschätzen? Und wo denken wir hier aus europäischer Sicht „falsch“?

Roland Benedikter: Donald Trump hat den Mord an George Floyd mehrfach scharf verurteilt. Sein Problem ist, dass er einfach das System der Demokratie nicht wirklich versteht oder verstehen will – und deshalb durch sein Handeln Proteste schürt, die sonst vielleicht nicht so verlaufen wären. Es ist eine selbst hergestellte Revolte – unnötig und so wohl anfangs nicht geplant. Die Proteste wollen im Kern ja nur den Spruch verwirklichen, der am obersten Gerichtshof der USA eingemeißelt ist: „Gleiches Recht unter dem Gesetz“. Das entspricht der Verfassung.

Trump hat unwillentlich, später vielleicht auch aus wahltaktischen Gründen im Blick auf die Präsidentschaftswahlen vom 3. November daraus eine Art ideologischen Bürgerkrieg „oben gegen unten“ gemacht und sich als alleinigen Hüter von Recht und Ordnung inszeniert – und sogar die Religion hineingezogen, obwohl er selbst wenig religiös ist. Etwa, wenn er mit der Bibel in der Hand vor einer beschädigten Kirche posiert, statt mit der Verfassung. Damit hat er symbolisch die Gewaltentrennung aufgehoben, die Amerika gerade wegen der starken Religiosität grosser Teile der Bevölkerung heilig ist. Das haben die meisten religiösen Würdenträger verurteilt, darunter der katholische Erzbischof von Washington DC, Wilton Gregory.

Wir Europäer denken falsch, wenn wir glauben, dass die amerikanische Demokratie wie die europäische funktioniert. Es ist eine andere Konstruktion, in der viel mehr Elemente eine Rolle spielen.

Es gibt auch eine Gegenbewegung bzw. führende US-Amerikaner (Politiker, Polizeichefs…), die dem sturen „Mann im Weißen Haus“ durchaus die Stirn bieten. Wie stark ist diese „Front“ tatsächlich?

Roland Benedikter: Ziemlich stark. Donald Trump hat es mit seinem „Entweder für oder gegen mich“ geschafft, seine eigenen Errungenschaften zu unterminieren – wie zum Beispiel die Unterstützung der Demokratiebewegung in Hongkong oder die Eindämmung von Chinas autoritärer Regierung, die der überwiegende Großteil der Amerikaner für richtig hält. Er hat wegen seiner Egozentrik und seinem Feinddenken aus einem Fall (der allerdings kein Einzelfall ist) ein Systembeben gemacht – und damit seine eigene Wiederwahl torpediert. Warum? Weil er immer, auch wenn er Sinnvolles tut, mehr oder weniger bedingungslos den „drei Ps“ des Populismus folgt: Personifikation (starker Mann), Popularität, Provokation. Das muss auf Dauer schiefgehen. Denn die Amerikaner als Nation tendieren grundsätzlich immer in die Mitte – im Prinzip auf allen Seiten. Das ist der historische Grundkonsens und im Prinzip auch der Grund dafür, dass es nur zwei regierungsfähige Parteien gibt.

„Sozialdarwinismus und Zivilreligion – Die USA können nur mit beiden gemeinsam existieren“

Der Alltagsrassismus, gegen den sich die Proteste in den USA und zunehmend auch rund um den Globus richten, ist nicht nur ein rein US-amerikanisches Phänomen. Daher stellt sich die Frage: Was ist in Washington & Co so „anders“?

Roland Benedikter: Die USA wurden mehrheitlich von Europäern gegründet. In der Verbindung von Amerika und Europa ist moderne Demokratie entstanden. Ein Teil von deren Nachfahren sieht das Grundsystem Amerikas nun durch den demographischen und ethnischen Wandel in Gefahr – etwa, wenn die asiatische Bevölkerung stark wächst, Spanisch für viele zur Landessprache anstelle von Englisch wird und die europäischstämmige Bevölkerung zur Minderheit zu geraten droht. Vieles von den Ängsten wird, faktisch und historisch falsch, unbewusst auf die traditionellen Sündenböcke – die ehemals als Sklaven importierten afroamerikanischen Mitbürger – abgeladen. Das sind tief liegende Identifikations- und Vorurteilsmuster.

Zudem ist Amerika eine junge Nation, in der Ideale und Ideen viel unmittelbarer lebendig sind als in Europa. Darunter notgedrungen auch falsche Ideen, Vorstellungen und Einbildungen. Nicht zufällig ist bereits bei Lincoln und später immer wieder beschwörend von den „guten Engeln“ des amerikanischen Geistes die Rede – weil er auch die anderen kannte. Das amerikanische Gesellschaftsspektrum an Ideengruppen und sozialen Schichten ist deutlich vielgesichtiger als in Europa; und die USA sind eine höchst breit gefächerte und sehr stark ausdifferenzierte Konkurrenz-, nicht eine Solidargesellschaft.

Soldaritätsbildend wirkt hauptsächlich der gemeinsame, ethnienübergreifende Glaube der Bevölkerung an die richtigen Ideale des Landes. Genau deshalb ist der „Ideen-Kitt“ bzw. die vereinigende emotionale Zivilreligion: der gemeinsame Glaube an säkulare Ideale wie Freiheit und Gerechtigkeit in Amerika unmittelbar viel wichtiger als in Europa, weil er Gesellschaft bildet. Genauer ausgedrückt: in den USA koexistiert beinharte wirtschaftliche Konkurrenz jeder gegen jeden mit zivilreligiösem Gemeinschaftsgefühl der „Auserwähltheit“: gemeinsam Teil des Landes der Tapferen und der Freien zu sein: des ersten echten „Menschheitsexperiments“ „von unten“, also von Menschen aus allen Teilen der Welt in einer Demokratie mit unbegrenzter sozialer Mobilität.

Wenn nun aber ein Präsident daherkommt, der seit drei Jahren Konkurrenz fördert, zugleich aber die gemeinsame säkulare Zivilreligion wo er kann unterminiert – und zwar zum Teil auch aus Ungeschicklichkeit -, dann muss das Grundgerüst der amerikanischen Gesellschaft bröckeln. Denn die USA können nur mit beiden gemeinsam existieren: Sozialdarwinismus und Zivilreligion. Das eine oder das andere allein zerstört das Land. Sozialdarwinismus allein führt in Klassenkämpfe. Zivilreligion allein führt in Nationalismus.

Europa hat weder das eine noch das andere – weder eine solch starke wirtschaftliche Binnenkonkurrenz noch eine so starke Zivilreligion, das heißt so starke gemeinschaftsbildende säkulare Ideale, die jede und jeder in sich unmittelbar lebendig fühlt. Deshalb fühlt sich europäische Demokratie weniger dramatisch und weniger tragisch an. Weil es diese extreme Dialektik nicht hat, ist Europa aber auch weniger dynamisch.

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