Wissen, glauben, zweifeln, hoffen

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Zu den zahlreichen zumindest vordergründig positiven Aspekten der Coronakrise gehört – neben sauberer Luft, billigem Sprit und der Freiheit, beliebig viel Knoblauch zu essen -, dass die Politik angeblich auf die Wissenschaft hört. Nun stimmt letzteres schon nur mit Einschränkungen. Die Politiker an der Macht hören bevorzugt auf diejenigen Wissenschaftler, die das sagen, was sie hören wollen, und die ihrerseits eben deswegen im Rampenlicht stehen. Die im Dunkeln sieht man nicht.

Konrad Lehmann | TELEPOLIS

Grafik: TP

Und jedenfalls habe ich in den letzten Wochen den Eindruck, dass die Politiker vielleicht noch auf die Wissenschaft gehört haben, als es darum ging, Freiheitsentzug zu rechtfertigen, dann aber ziemlich schwerhörig geworden sind, als es darum geht, die Freiheit wieder zurückzugeben.

Das ist jedoch alles nicht sehr überraschend und verdient keine langen Überlegungen. Was mich viel mehr beschäftigt, ist die Frage, ob und wann ich mir überhaupt wünschen soll, dass Politiker oder andere Menschen sich nach „der Wissenschaft“ richten.

Gerne würde ich rausblaffen: „Immer!“ Schließlich bin ich Naturwissenschaftler, und bin es gerne. Aber kürzlich bin ich bei der Recherche zu einem ganz anderen Thema auf die Sache mit den weinenden Kindern gestoßen.

Schlechte Ratgeber

In den Fünfzigern bis Siebzigern begründeten John Bowlby und seine Schülerin Mary Ainsworth die Bindungsforschung. Bowlby stellte fest, dass Kleinkinder in den ersten beiden Lebensjahren eine feste Bindungsperson brauchen, die emotional als sicherer Hafen dient, um von dieser Geborgenheit aus die stürmischen Meere der Welt zu erkunden. Ainsworth etablierte später den „Fremde Situation“-Test, der die Bindungsqualität eines Kleinkindes operationalisiert. So konnte sie experimentell beweisen, dass Bowlby rechthatte und dass sicher gebundene Kinder – und das heißt konkret: Kinder, deren Bezugsperson üblicherweise auf ihre Bedürfnisse eingegangen ist – zu sozial kompetenten, resilienten Persönlichkeiten heranwachsen, unsicher gebundene eher nicht.

Als Bowlby diese Theorie zu etablieren versuchte, musste er gegen zwei denkbar verschiedene Strömungen ankämpfen, die damals die Kinderpsychologie beherrschten: Die Psychoanalytiker (zu denen Bowlby ursprünglich zählte) weigerten sich, Beziehungen zu realen Personen zu betrachten; für sie spielte sich alles Relevante in der Vorstellungswelt des Kindes ab. Die Behavioristen auf der anderen Seite glaubten nicht an innere Zustände und Weltmodelle des Kindes; für sie war alles Reiz, Reaktion und Konditionierung.

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