Stresstest für die Wissenschaft


Forscher sollen in der Corona-Pandemie möglichst schnell neue Erkenntnisse liefern, doch die Hektik führt zu Fehlschlägen. Zwei Top-Journale mussten schon Ergebnisse zurückziehen.

Werner Bartens | Süddeutsche Zeitung

Foto: Getty Images. Die ganze Welt wartet auf schnelle Ergebnisse in der Corona-Forschung – doch der hohe Druck führt teilweise zu Fehlern.

Es ist ein Paukenschlag für die Wissenschaft: Nach massiver Kritik haben zwei weltweit renommierte medizinische Fachblätter, The Lancet und das New England Journal of Medicine, Publikationen zurückgezogen. Im Lancet war die Wirkung von Hydroxychloroquin und Chloroquin auf Patienten mit Covid-19 beschrieben und eine doppelt so hohe Sterblichkeit im Vergleich zu Kontrollgruppen behauptet worden. Im New England Journal of Medicine waren Forscher zu dem Schluss gekommen, dass Blutdrucksenker vom Typ ACE-Hemmer das Risiko bei Covid-19 nicht erhöhen.

Für beide Beiträge hatte ein Dienstleister namens Surgisphere Daten erhoben und mithilfe von „Big Data“ ausgewertet. Schon bald wuchsen die Zweifel an den Angaben im Lancet über die angeblich 15 000 Patienten und 80 000 Probanden in der Kontrollgruppe. Surgisphere, dessen Chef Sapan Desai als Co-Autor des Artikels firmiert, stellte die Patientendaten aus 671 Kliniken auf sechs Kontinenten zusammen. In einem offenen Brief hatten 146 Ärzte, Wissenschaftler und Statistiker zehn „gewichtige Bedenken“ („main concerns“) an die Autoren des Artikels und den Herausgeber adressiert. Nachdem Surgisphere weder externen Gutachtern noch den Co-Autoren Rohdaten zur Verfügung stellen wollte, wurden die Studien vor wenigen Tagen zurückgezogen.

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