„Wir leben unter dem virologischen Imperativ“


Der Historiker Michael Wolffsohn kritisiert eine Reduzierung auf den Kampf gegen Corona. „Eindimensionale Fixierung auf das, was virologisch richtig oder falsch ist, kann es nicht sein“, sagte Wolffsohn im Dlf. Vielmehr müsse Religion sich mit Sinnfragen befassen, die sich aus der Krise ergäben.

Michael Wolffsohn im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

„Für die Seele ist die Religion zuständig“, sagt der Historiker Michael Wolffsohn (imago stock&people / Uwe Steinert)

Michael Wolffsohn ist jüdischer Historiker in München. Er ist ein Grenzgänger, hat auch immer andere Religionsgemeinschaften im Blick. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Tacheles“, ein eher politisches Buch. Aber auch darin: viele Aspekte zu Religionsfragen.

Andreas Main: Wir wollen nicht über Bücher reden, sondern über Gott und Corona, über Seele und Sorge in Pandemiezeiten. Und vor allem fragen, ob der Gottesglaube in einer Pandemie helfen kann. Sie sind theologisch interessiert, aber zunächst mal Historiker. Deswegen zu Beginn die historische Frage an Sie: Wie bewerten Sie die Reaktionen der Religionsgemeinschaften heute verglichen mit Reaktionen auf Pandemien in der Vergangenheit?

Michael Wolffsohn: Da unterscheidet sich eben erstaunlicherweise die Religion der Gegenwart, die institutionalisierte Religion der Gegenwart kaum von der Vergangenheit, wenn ich das recht sehe. Man hat meistens mit Bibelzitaten oder anderen frommen Zitaten agiert, aber nicht die Grundfragen des Seins gestellt, nämlich: Ist so etwas gottgewollt? Ich rede gar nicht von Gottes Strafe. Also: Weniger zitieren und mehr reflektieren, das wäre eigentlich meine Aufforderung gewesen. Und das wäre in der Moderne auch notwendig.

Staatstragende Tradition

Main: Bleiben wir zunächst mal beim Mainstream, der Mitte der Religionsgemeinschaften hierzulande, egal ob Kirchen, Rabbiner oder Vertreter des Islam: Man hat sich staatstragend hinter die Maßnahmen gestellt, die die Politik mit naturwissenschaftlicher Unterstützung entwickelt hat. War diese Reaktion der Religionsgemeinschaften sozusagen ohne Alternative?

Wolffsohn: Sie ist religionsphilosophisch und religionshistorisch einwandfrei. Ich lasse mal jetzt hier die muslimische Gemeinschaft beiseite, weil die muslimische Gemeinschaft ja in ihrer Grundorientierung ausgeht von der Identität von Religion und Staat – also die traditionelle Umma, die der Prophet Mohammed gegründet hatte seinerzeit. Aber in Bezug auf Judentum und Christentum gehört das zur Tradition.

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