Den „Super-Impfstoff“ gibt es vielleicht nie


Erfolgsmeldungen zur Impfstoffentwicklung häufen sich. Doch das habe mit der Realität oft wenig zu tun, sagt Virologe Keppler im tagesschau.de-Interview. Den „Super-Impfstoff“ gegen Corona werde es womöglich nie geben.

Sandra Stalinski | tagesschau.de

tagesschau.de: Die WHO verkündete vor kurzem, sie rechne mit einem Impfstoff gegen das Coronavirus in elf bis 17 Monaten. Was sagen Sie?

Oliver Keppler: Ein Impfstoff ist natürlich das, was wir uns alle wünschen. Wir haben fantastische Erfahrungen mit Impfstoffen gemacht und große Erfolge erzielt, gegen Masern, Mumps, Röteln, Pocken oder Kinderlähmung beispielsweise. Das sind hervorragende Impfungen, die viel Leid und Tod in der Welt verhindert haben.

Bei diesem neuen Coronavirus ist das aber eventuell nicht so einfach. Die Impfstoffentwicklung könnte Jahre oder vielleicht sogar Jahrzehnte dauern. Es ist auch nicht gesagt, dass es überhaupt einen hocheffektiven und sicheren Impfstoff geben wird.

Zwar haben wir als Weltgemeinschaft noch nie solche Anstrengungen gegen eine gemeinsame Bedrohung unternommen. Das lässt hoffen. Es gibt weltweit mehr als einhundert Projekte zur Impfstoffentwicklung, die auf dem Weg sind und viele brillante Forscher, Konsortien und Impfstofffirmen arbeiten mit, es fließen Milliarden. Aber all das – das muss uns klar sein – ist keine Garantie für Erfolg. Es gibt hier einfach keinen Automatismus.

tagesschau.de: Warum sind Sie da so viel pessimistischer als andere Virologen?

Keppler: Wir müssen uns an den Erfolgen, aber eben auch den Misserfolgen der letzten 30 Jahre messen lassen. Wenn wir zurückblicken auf die Impfstoffentwicklung gegen andere pandemische Infektionskrankheiten durch Viren, Bakterien oder Parasiten – wie HIV/AIDS, Dengue-Fieber, Tuberkulose, oder Malaria – das sind Geißeln der Menschheit, die seit Jahrzehnten für Leid und Tod sorgen. Und wir haben es bisher nicht geschafft, auch nur gegen eine dieser vier einen effektiven Impfstoff zu entwickeln.

Bei den respiratorischen Infektionen, zu denen auch das Coronavirus zählt, haben wir einen Einäugigen unter Blinden – das ist die Influenza-Impfung. Diese Impfung ist das Beste, was wir haben. Sie ist aber leider auch nicht hocheffektiv. Die Effektivität schwankt von Jahr zu Jahr zwischen 30 und 70 Prozent. Es muss jedes Jahr neu geimpft werden, weil sich das Virus deutlich verändert und die Immunität durch die Impfung oder auch eine durchgemachte Infektion, die man vom Jahr davor hatte, nur teilweise oder gar nicht mehr hilft.

Trotzdem muss ich betonen, dass gerade in der kommenden Wintersaison die Influenza-Impfung extrem wichtig sein wird, um die Zahl zumindest dieser Atemwegserkrankungen zu vermindern.

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