Die zwei Amris oder die Frage, wer den Tat-LKW gefahren hat

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Ermittlungserkenntnisse aus Italien zu den möglichen Tätern vom Breitscheidplatz werden von deutschen Behörden bewusst falsch dargestellt

Sandro Mattioli, Thomas Moser | TELEPOLIS

LKW, mit dem Anis Amri den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verübt haben soll. Bild: Emilio Esbardo / CC BY-SA 4.0

Wer steuerte den 40 Tonnen schweren Lastwagen am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt in Berlin? Auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche starben an jenem Tag zwölf Menschen, Dutzende wurden schwer verletzt. Diese Frage zieht zugleich die offizielle Festlegung in Zweifel, dass der 24jährige Tunesier Anis Amri der Fahrer war. Immer mehr Indizien sprechen dagegen. Anis A. war ziemlich sicher einer der Mittäter – aber wer war der Haupttäter?

Eine Ermittlungsakte aus Italien gibt darauf eine mögliche Antwort. Mit der Tat könnte der andere Amri in der Gruppe zu tun gehabt haben: Soufiane Amri, 25 Jahre alt, 1995 in Berlin geborener Deutsch-Marokkaner. Zwei Amris: Anis und Soufiane. Ist die Namensgleichheit nur Zufall? Warum stammen die Ermittlungserkenntnisse aus Italien? Und warum verwerfen die deutschen Sicherheitsbehörden sie wider besseren Wissens?

Die Geschichte beginnt zweieinhalb Wochen vor dem späteren Anschlag. Am 2. Dezember 2016 machten sich sechs Personen, die sich aus der Moschee des radikalen Fussilet-Vereins in Berlin kannten, auf den Weg in die Türkei. Sie reisten in zwei Gruppen und auf unterschiedlichen Wegen: Die eine bestand aus den vier Männern Emrah Civelek, Resul K., Feysel H. und Husan Saed H., die über die Balkanstaaten Kroatien und Serbien Richtung Türkei fuhren. Und zwar im Taxi von Civelek und K.. Die andere Gruppe bestand aus Soufiane Amri und Nkanga L., die mit Zügen, Fernbus und Schiff über Italien und Griechenland reisen wollten.

Beide Gruppen sollten, so die Vermutung der Ermittler, ein paar Tage später in der Türkei wieder zusammentreffen. Ihr weiterer Weg und ihre Pläne sind unklar. Wollten sie in der Türkei einen Anschlag begehen? Oder etwa weiter ins Kriegsgebiet des Islamischen Staates (IS) nach Syrien reisen? Genau dafür jedenfalls wurden Emrah Civelek, Resul K. und Soufiane Amri 2019 von einem Berliner Gericht zu Haftstrafen verurteilt. Feysel H. wurde in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht.

H., deutscher Staatsbürger, war auf der Fahrt an der kroatisch-serbischen Grenze aufgehalten und zurück geschickt worden. Er hatte Ausreiseverbot aus Deutschland. Civelek und Resul K. kehrten selbständig aus der Türkei nach Berlin zurück. Einzig Husan Saed H. soll bis ins IS-Gebiet gekommen sein.

Soufiane Amri und Nkanga L. strandeten im italienischen Ancona. Ein Streik verhinderte ihre Weiterfahrt mittels Fähre. Die beiden waren von deutschen Behörden als „Gefährder“ ausgeschrieben. Die italienische Polizei spürte sie in Ancona auf und nahm sie fest. Soufiane Amri, der deutscher Staatsbürger ist, wurde nach Mailand gefahren, dort in den Zug gesetzt und nach Berlin zurückgeschickt. Nkanga L., Jahrgang 1990, zwar ebenfalls in Berlin wohnhaft, aber kongolesischer Staatsbürger, kam in Italien in Abschiebehaft. Ab dem 5. Dezember 2016 saß er im großen Abschiebezentrum in Brindisi.

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