Schwedens Corona-Weg: Wer zu spät kommt

coronavirus sars-cov-2

Schweden hat so viele Neuinfizierte, dass deutschen Urlaubern nach der Rückkehr Quarantäne droht. Was steckt dahinter?

Andrea Seliger | TELEPOLIS

7-Tage-Inzidenz – Schweden sticht als einziges Land heraus mit über 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner. Bild: RKI

Mit mehr als 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen leuchtet Schweden gerade knallrot auf der Karte der RKI als einziges Land in Europa. Diese „Obergrenze“ wurde von Bund und Ländern festgelegt, um situationsabhängig auf die Infektionslage in Reiseländern reagieren zu können. Und mehrere Bundesländer, darunter Bayern und Niedersachsen, haben bereits reagiert. Wer die offenen Grenzen Schwedens für einen frühen Urlaub genutzt hat, dem steht nun möglicherweise eine unvorhergesehene Zwangspause im Anschluss bevor. Für die nordischen Nachbarländer sind die schwedischen Infektionszahlen so abschreckend, dass eine innernordische Grenzöffnung daran scheiterte. Schweden können aktuell weder nach Finnland, Norwegen oder Dänemark einreisen, es sei denn, sie können wichtige Gründe anführen.

Am Mittwoch, 10. Juni, wurden so viele neue Fälle verzeichnet wie noch nie zuvor: 1427 Neuinfizierte in einem Land von gut 10 Millionen Einwohnern. Im Land selbst wird der deutliche Anstieg der Infektionskurve allerdings nicht dramatisch gesehen, denn Staatsepidemiologe Anders Tegnell und seine Kollegen der übergeordneten Gesundheitsbehörde (Folkhälsomyndigheten) haben dafür eine Erklärung: Es werden zunehmend mehr Menschen getestet.

In der Statistik, die auf den Pressekonferenzen präsentiert wird, werden inzwischen drei Quellen positiver Diagnosen unterschieden: schwer Erkrankte, die im Krankenhaus behandelt werden müssen und schon immer getestet wurden, Personal im Gesundheitssektor sowie neu Menschen mit Erkältungssymptomen, die die Gesundheitszentren aufsuchen. Früher galt für diese, sie mögen zuhause bleiben, sich auskurieren und das medizinische Personal erst dann kontaktieren, wenn sie wirklich ärztliche Hilfe brauchen.

Die Ausweitung der Testkapazitäten war schon lange von der Regierung in Auftrag gegeben worden. Das Ziel: Jeder mit Symptomen sollte sich testen lassen können. Bereits Mitte Mai wollte Sozialministerin Lena Hallengren 100.000 Tests die Woche sehen. Das schwedische Gesundheitssystem wird jedoch von den 21 Regionen organisiert, die Umsetzung dauerte. In der 23. Woche, also vom 1. bis 7. Juni, wurden erstmals 49.000 geschafft. Der neue Block der Getesteten aus den Gesundheitszentren macht dabei einen großen Teil des Anstiegs aus, während die Krankenhauspatienten und Pflegepersonal ihr Level halten. Bleibt das so, wäre dies trotz der schlechten Zahlen eine gute Nachricht: Die Statistik würde sich damit nur der realen Situation annähern.

Für diese These spricht auch, dass die Zahl der schwer Erkrankten in den Intensivstationen weiter sinkt, wenn auch nur noch langsam. Schweden hatte landesweit ursprünglich nur 528 Intensivbetten. Um den erwarteten Bedarf zu decken, wurden die Kapazitäten zeitweise auf das Doppelte ausgebaut, andere Aktivitäten dafür zurückgefahren. In den schlimmsten Wochen im April benötigten allein die Covid-19-Patienten mehr Intensivbetten als normalerweise vorhanden sind. Inzwischen sind landesweit etwas weniger als 300 Covid-19-Kranke auf der Intensivstation.

weiterlesen