Buchkritik zu »Darwin schlägt Kant« – Biologisch vorgegebene Grenze?


Unser Erkenntnisapparat neigt zu folgenreichen Vorurteilen, meint der Autor dieses Buchs – leider geht ihm selbst das genauso.

Dr. Michael Springer | Spektrum

Auf fast 500 Seiten möchte Frank Urbaniok seine überspitzte Grundthese belegen: Alle sozialen, politischen und kriminalistischen Probleme der Gegenwart resultierten aus der Tatsache, dass unser Geist ein spätes Produkt der biologischen Evolution sei.

Unsere Kognition sei nun einmal nicht auf objektive Erkenntnis programmiert, sondern als Instrument im Überlebenskampf entstanden.

Dieses Instrument funktioniert angeblich gemäß dem so genannten RSG-Modell: Um Umweltreize einzuordnen, folge unser Geist dem schematischen Dreischritt »Registrieren-Subjektivieren-Generalisieren«. Das Schema habe den Frühmenschen die lebensnotwendige schnelle Orientierung im Kampf ums Dasein ermöglicht – und es prägt, so der Autor, noch heute ganz wesentlich unsere Urteile und Vorurteile.

Tellerrand der biologischen Programmierung

Wie bei jeder Erkenntniskritik stellt sich sofort die Frage: Wie entgeht just der Geist Urbanioks dieser Einschränkung? Muss nicht auch er jedes Problem, das er registriert, unweigerlich gemäß den eigenen Vorurteilen subjektivieren und anschließend mit dem Ziel der egoistischen Selbstbehauptung generalisieren? Wie schafft er es, über den Tellerrand der biologischen Programmierung hinauszuschauen? Diese Frage beantwortet Urbaniok mit einer »pragmatisch-phänomenologischen Betrachtungsweise«. Sie sei im Wesentlichen »der neugierige und gleichzeitig nüchterne Blick auf die Praxis, auf den Alltag, auf das Konkrete und Banale«. Ob das reicht?

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