Ein Test soll zeigen, welche Tierarten ein Ich-Bewusstsein haben – doch er ist umstritten


Nach fünfzig Jahren sorgt der sogenannte Spiegeltest noch immer für kontroverse Debatten. Wissenschafter stellen unser bisheriges Verständnis von Bewusstsein auf den Prüfstand.

Kurt de Swaaf | Neue Zürcher Zeitung

Ein Schmetterlingsbuntbarsch und sein Spiegelbild. Bis anhin sollen sich nur bestimmte Putzerlippfische selbst im Spiegel erkannt haben.  http://www.alamy.com

Die Idee kam Gordon Gallup beim Rasieren. Als Student hatte er Mitte der 1960er Jahre einen Kurs in experimenteller Psychologie belegt und dabei die Aufgabe erhalten, sich eine neue, einzigartige Versuchsanordnung auszudenken. Gar nicht so einfach. Also stand Gallup eines Morgens im Bad vor dem Spiegel und grübelte. Moment mal, dachte der junge Mann. Wie würde ein Schimpanse wohl auf sein eigenes Spiegelbild reagieren? Würde er sich selbst erkennen, und wenn ja, wie könnte man das nachweisen? Es war die Geburt eines bahnbrechenden Konzepts.

«Ich konnte das Experiment allerdings erst nach meiner Doktorarbeit verwirklichen», erzählt Gallup heute. Er wechselte an die Tulane University in New Orleans, wo es ein Affenforschungszentrum gab, und führte dort 1970 zum ersten Mal den sogenannten Spiegeltest durch. Dessen Prinzip ist bestechend einfach. Gallup brachte einzelne Schimpansen in einem Raum mit einem Spiegel zusammen und beobachtete ihre Reaktionen. Die Affen waren anfangs nicht begeistert. Vor allem bedrohten sie den mutmasslichen Fremden. Mit der Zeit jedoch beruhigten sich die Tiere und begannen, ihr Spiegelbild neugierig zu betrachten. Es schien sogar, als würden sie mit seiner Hilfe ihre Körper inspizieren. Gallup betäubte die Schimpansen und malte ihnen mit roter Farbe zwei Flecken aufs Gesicht. Wieder zu sich gekommen, verhielten sich die Affen, wie der Forscher es erwartet hatte: Sie erkannten die Punkte im Spiegel und fummelten mit ihren Fingern daran herum. Offenbar wussten die Schimpansen, dass das Spiegelbild sie selbst zeigte.

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