Piketty: Wiedergutmachung für Sklaven- und Zwangsarbeit muss neu diskutiert werden

Überlebende Herero nach der Flucht durch die Wüste (ca. 1907)

Der französische Ökonom plädiert für gerechtere Regelungen und Kriterien, um eine große Ungerechtigkeit nicht zu zementieren

Thomas Pany | TELEPOLIS

Bild: Pascal Laurent/Pixabay License

Mit Höchstgeschwindigkeit nähert sich die Frage in den sozialen Netzwerken, welche Statuen als nächste fallen sollen, den großen Figuren: Kant, Gandhi oder auch Jesus sind in der Debatte.

Denkt man an die Diskussionen, die es zu Jesus am Kreuz oder zum Kreuz selbst in Klassenzimmern („Abhängen!“) oder zum Umgang von Künstlern damit gegeben hat, so ist das keine wirklich neue Diskussion, siehe etwa den Skandal, den der bayerische Filmemacher Herbert Achternbusch Anfang der 1980er Jahren mit dem Gespenst entfachte.

Nun rollen aber neue, größere Wellen der Empörung über Rassismus und Ungerechtigkeiten durch die USA und in europäische Länder, besonders in Frankreich; die Medien, immer am Erregungspuls, nehmen das gerne auf und geben weiter Wind dazu. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit kommt auf neuen Wellenkämmen an den Strand der Debatten-Polis. Es sind Umbruchszeiten, alte Burgen werden unterspült. Die einen begeistern sich an den „Winds of Change“, die anderen fürchten sich vor dem Mob.

Die Diskussion über die Statuen lässt sich auch lustig beleuchten. Es ist ein Thema wie geschaffen für Karikaturisten. Und es gibt sublimere und bessere – sollte es denn um Aufklärung gehen – Lösungen, als die Statuen zu stürzen, wie es zum Beispiel das Blog Moon of Alabama vorschlägt: Indem man aus dem Denkmal ein Mahnmal macht und eine alte Skulptur, die wahnsinnige Blutbäder verherrlicht, von einer neuen Skulptur konterkarieren lässt. So geschehen etwa bei Hrdlickas Gegendenkmal am Hamburger Dammtor zu dem 1936 am gleichen Ort eingeweihten 76er-Krieger-Denkmal. Das kann ein „Augenöffner“ sein, der sich dem Entweder-Oder und Auslöschungsfantasien entzieht.

Kulturkampf und Verteilungskampf

Sehr viel schwieriger wird es bei dem anderen großen Fragenkomplex, der an den Strand der neuen Öffentlichkeiten getragen wird. Da geht es um Eigentumsfragen und Wiedergutmachungen, also ums Eingemachte. Der Kulturkampf, bei dem es um Deutungsmacht geht, ist das eine, der Verteilungskampf das andere.

Dazu hat nun der Ökonom Thomas Piketty, bekannt für seine Publikationen zur Ungleichheit, eine alte Forderung im neuen Kontext der Demonstration infolge des Todes von George Floyd auf den Sockel gehoben. In Le Monde plädiert Piketty für Wiedergutmachung. Dafür, dass sich die ehemaligen Kolonialstaaten auf eine neue Diskussion über den Ausgleich von jahrhundertelanger Ausbeutung Schwarzer einlassen. Das sei notwendig, um schlimme Folgen zu verhindern.

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