Nach Urteil: Freie Bahn für Heil-Weihwasser aus der Apotheke?


Für Joghurts gelten strengere Auflagen als für homöopathische „Arzneien“. Ein erstinstanzliches Urteil in Deutschland vermittelt den Eindruck, dass Apotheken Rosstäuscherei zusteht, weil die Kunden eh Bescheid wüssten.

Christian Kreil | DERSTANDARD

Was nicht drinnen ist, darf außen nicht vorgetäuscht werden. Ein Jogurella, auf dessen Verpackung eine rote Erdbeere abgebildet ist, muss auch eine relevante Menge an roter Erdbeere enthalten. Ansonsten scheppert es juristisch für den Hersteller des Jogurellas. In der Apotheke gelten weniger strenge Regeln als im Kühlregal im Supermarkt. Das hat zumindest in erster Instanz ein Gericht im deutschen Darmstadt festgestellt. Verbraucherverbände hatten eine Apotheke wegen eines homöopathischen Juxartikels geklagt. Konkret geht es um das Produkt „HCG C30“ – einen vermeintlichen Appetitzügler und Schlankmacher auf Hormonbasis. Der Hinweis auf einen Wirkstoff auf der Etikette sei „unlauterer Wettbewerb“, sagte der Kläger –  und er blitzte vorerst ab.  

Keine Hormone helfen auch nicht beim Abnhemen

HCG (Humanes Choriongonadotropin) ist ein Schwangerschaftshormon. In der stringenten Schubumkehrlogik der Homöopathen hilft HCG beim Abnehmen, weil Schwangere bekanntlich einen dicken Bauch haben. Warum Homöopathen nicht einfach Nilpferde verdünnen, um Medikamente für die Erreichung der Bikinifigur zu produzieren, verrät uns wieder niemand, so nebenbei bemerkt. 

Der Teufel steckt im Detail, und zwar in dem Appendix „C 30“ auf der Etikette: „C 30“ bezeichnet das Ausmaß der Verdünnung – und die entspricht der Existenz eines einzigen Moleküls einer Substanz in einem mit Wasser gefüllten Schwimmbecken, das den stattlichen Durchmesser von rund 150 Millionen Kilometern misst und das ebenso tief ist. Wir ahnen: Wir müssten sehr, sehr oft Proben aus diesem Pool ziehen, ehe wir mit sehr viel Glück auf unser einsames Hormon-Molekül stoßen. Unromantisch formuliert: Hier pflanzt ein Pharmaunternehmen und folglich die Apotheke, die das vertreibt, die Menschheit und die vertrauensseligen Patienten ganz offen und gänzlich unverdünnt mit einer Etikette, die einen Inhaltsstoff vorgaukelt.  Und das nunmehr mit dem Sanktus eines Gerichts.

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