Mit der Kultur kommt das Virus


Nach einer genetischen Rekonstruktion sind die Masernviren auf die Menschen nach der Viehhaltung übergesprungen und haben sich mit der Entstehung von Großstädten um 300 vor unserer Zeitrechnung in der Menschheit dauerhaft eingenistet

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Masernvirus. Bild: CDC

Das Sars-CoV-2 soll von Fledermäusen stammen, die in Höhlen in der chinesischen Provinz Yunnan leben. In ihnen wurden Coronaviren entdeckt, die genetisch zu 96 Prozent übereinstimmen und als nächste Verwandte gelten. Ob beim Übersprung auf den Menschen Schuppentiere Zwischenwirte gewesen sein könnten, ist umstritten (Sars-CoV-2 scheint ein durch Rekombination entstandener Hybrid zu sein). Es kursieren auch politisch etwa vom Weißen Haus gestreute Vermutungen, das Virus sei aus einem Labor in Wuhan entwischt oder es sei ein biotechnisches Produkt.

Bei Masern dürfte kaum jemand behaupten wollen, was bei neueren Infektionskrankheiten wie bei AIDs fast regelmäßig der Fall ist, dass es sich um ein Laborprodukt handelt und nicht um eine Zoonose, da Masernepidemien schon vor mehr als 1000 Jahren beschrieben wurden und der Übergang von Kühen zum Menschen schon weit früher geschehen sein dürfte (Menschen und Tiere als Krankheitsüberträger). Verantwortlich für Masern, eine der ansteckendsten Krankheiten, ist das RNA-Virus Measles morbillivirus (MeV), ein ausschließlich in menschlichen Wirten lebendes Virus, das verwandt ist mit Rinderpest morbillivirus (RPV).

Erst seit den 1960er Jahren gibt es gegen Masern einen Impfstoff, davor gab es jährlich 2-3 Millionen masernbedingte Todesfälle. Nach dem RKI konnten zwischen 2000 und 2017 weltweit rund 21 Millionen Todesfälle durch Impfungen gegen Masern verhindert werden. 2018 starben etwa 140.000 Menschen an Masern, vorwiegend Kinder. In den letzten Jahren ging die Impfbereitschaft in einigen Ländern zurück und stieg die Infektionszahl auch in Europa wieder an. In Deutschland trat das Masernschutzgesetz mit einer Impfpflicht am 1. März 2020 in Kraft.

Zwar wird angenommen, dass Masern von Kühen auf Menschen übergangen sind und diesen zu ihrem einzigen Wirt gemacht haben, aber bislang herrscht Uneinigkeit darüber, wann das geschehen ist. Das muss irgendwann nach der Trennung zwischen dem Rinderpest- und dem Masernvirus geschehen sein.

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