Zentrale Mittelmeerroute: Künftig Einflusszone der Türkei?


Die militärische Abhängigkeit der libyschen Einheitsregierung GNA von der Türkei gibt Erdogan beste Karten, um dort eine maritime Basis und einen Militärflughafen einzurichten – keine guten Aussichten für die EU

Thomas Pany | TELEPOLIS

Die türkische Abordnung in Tripolis war hochkarätig. Außenminister Cavusoglu, Geheimdienstchef Hakan Fidan und Finanzminister Albayrak, der Schwiegersohn des Präsidenten, trafen sich mit dem Chef der libyschen Einheitsregierung (GNA) Sarradsch, um „nach Instruktionen von Erdogan“ (Daily Sabah) wichtige Dinge zu besprechen. Auch Khalid Al-Mishri, Chef des Hohen Staatsrates, offiziell der zweiten Kammer Libyens, war mit von der Partie. Al-Mishri verfügt über gute Verbindungen zu den Muslimbrüdern, die er auf politischen Druck hin Anfang des Jahres offiziell verließ.

Einig waren sich Gastgeber und Besucher in der Gegnerschaft zum „Putschisten“ (Erdogan) Khalifa Haftar. So gehörte die Aussage, dass Haftar im künftigen Libyen keine Rolle spielen soll, zu den wenigen konkreten Äußerungen, die ins offizielle Protokoll gelangten. Inoffiziell kursierten Aussagen aus türkischen „Regierungskreisen“, die bestätigen, was die Libyenexperten in den letzten Wochen beschäftigte: Dass die Türkei in Libyen auf dem Weg ist, sich als Macht mit einer langfristigen Präsenz zu etablieren.

Zwar gibt es noch keine spruchreife Bestätigung einer länger schon erwarteten Einigung zwischen der GNA und der Türkei über zwei Militärbasen – einer maritimen in Misrata und dem Militärflughafen in al-Watija -, aber, was der Middle-East-Eye-Journalist Ragıp Soylu an „Insider-Informationen“ streut, bekräftigt die weitreichenden Ambitionen der Erdogan-Regierung: So will die Türkei nach Informationen eines regierungsnahen Sabah-Journalisten F-16-Flugzeuge und Hubschrauber auf libyschem Boden stationieren, libysche Offiziere ausbilden – und sich darum kümmern, dass das libysche Öl auf internationale Märkte kommt und das Bankensystem reparieren.

Diese Absichten gehen an die Interessen Italiens und Frankreichs. Beide Länder sind mit ihren Konzernen Eni und Total dick im Ölgeschäft in Libyen involviert. Besonders Frankreich wird mit Argusaugen verfolgen, welchen Einfluss die Türkei auf das libysche Ölgeschäft bekommt.

Der Verbündete der Türkei, die GNA, zeigte im Mai 2019, welche Macht sie gegen die Geschäftsinteressen des französischen Konzern ausüben kann, als sie – allerdings sehr kurzeitig – die Lizenzen von Total suspendierte. Total operiert im Osten des Landes, im Herrschaftsgebiet Haftars; Eni mehr im Westen. Aber: Die Vermarktung des Öls auf dem internationalen Markt läuft über die National Oil Corporation (NOC), die ihren Sitz in der Hauptstadt Tripolis hat.

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