Keine Beweise für eine höhere Macht


„Höhere Macht“ ist ein derart unspezifischer Begriff, dass man alles Mögliche damit assoziieren kann. Ich verblüffe die Leute gerne, indem ich ihnen sage, dass ich an eine höhere Macht glaube. Für mich ist es aber die Natur, die damit zutreffend beschrieben ist – mehr oder weniger, denn was bedeutet „höher“? Mächtiger? Weiter entwickelt? Älter? Erfahrener? Stärker?

Volker Dittmar | RDF

„Die Natur“ ist natürlich ein Abstraktum. Für mich gehört dazu alles, was der Fall ist. Die Summe aller Tatsachen, alles, was existiert. Gäbe es einen Gott, er gehörte ebenso zur Natur wie wir auch. Gäbe es Telepathie, so wäre sie ein natürliches Phänomen. Allerdings bin ich froh, dass der Ersatz für Telepathie – das Telefon – so viel besser ist als das, was uns Esoteriker präsentieren. Esoteriker sind Menschen, die meinen, außerhalb der erfahrbaren Realität gäbe es etwas, bei dem sie Erfahrung haben.

Was natürlich, logisch gesehen, Quatsch ist. Für einen Logiker gibt es die Gesamtheit dessen, was wir erfahren können, als Menschen, und eine Menge Dinge da draußen, die wir noch nicht erfahren haben oder vielleicht sogar nie erfahren werden. Ich will mal die Gesamtheit aller Dinge aufzählen. „Ding“ ist hier philosophisch-allgemein gehalten, als ein Platzhalter. Ein Wort in diesem Sinne ist ein Ding, ein Geist, eine falsche Aussage, Gott, der Computer, auf dem ich schreibe, ich selbst, die Welt, Zahlen, mathematische Ausdrücke, der Staub auf meinem Tisch – alles:

Es gibt Dinge, die wir kennen, weil sie zu unserer Erfahrung gehören – dazu gehört auch das Gebiet der Wissenschaft.

Es gibt Dinge, die existieren, aber von denen wir prinzipiell nichts wissen können, weil das nicht zu unserer „erfahrbaren Welt“ gehört. Die Grenze verschiebt sich laufend, vor 500 Jahren konnte man prinzipiell nicht wissen, dass es Funkwellen gibt. Es gibt aber auch Dinge, die wir nicht wissen, und mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit nie wissen werden, wie z. B. die Anzahl der Oliven, die Aristoteles in seinem Leben gegessen hat.

Es gibt Dinge, die existieren, aber von denen wir nichts wissen, aber von denen wir wissen können. Dazu gehören z. B. seit neuestem Gravitationswellen. Dazu gehören auch triviale Dinge wie die vergessene Münze in einer Schublade. Wir wissen nicht von ihr, eines Tages machen wir die Schublade auf – und, da ist sie. Was wir zukünftig wissen werden und was nicht unterliegt der Spekulation.

Mehr als diese drei Dinge gibt es nicht: Erfahren, erfahrbar, nicht erfahrbar. Dank der Wissenschaft verschieben sich die Grenzen zwischen diesen drei Zonen permanent.

Zu 1. könnte man noch unterscheiden, dass es Dinge gibt, die wir meinen zu wissen, aber von denen wir tatsächlich eine falsche Ansicht haben. Dieses Gebiet ist viel größer, als wir alle ahnen. Man könnte also auch eine Vierteilung vornehmen.

Laut den Esoterikern gibt es noch etwas, das es nicht gibt, weil wir es nicht zur erfahrbaren Welt gehört, aber Teil ihrer Erfahrung ist. Woran man erkennen kann, dass Logik nicht ihre Sache ist. Wenn etwas Teil meiner Erfahrung ist, dann mag es subjektiv sein, aber es existiert als Eindruck. Wenn etwas kein Teil der erfahrbaren Welt ist, kann ich es nicht erfahren, auch nicht als Eindruck. Ich habe absichtlich nicht unterschieden zwischen objektiver und subjektiver Erfahrung – beides ist Teil der prinzipiell erfahrbaren Welt. Wobei ich nicht erfahren kann, was Sie denken, und Sie nicht, was ich denke, wenn wir es nicht miteinander kommunizieren. Wenn ich Ihnen nicht sage, was ich denke, gehört dies zur für Sie prinzipiell nicht erfahrbaren Welt.

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