Kolumbus ohne Kopf: Ein Schlag für wen?

Überlebende Herero nach der Flucht durch die Wüste (ca. 1907)

Nichts ist dagegen zu sagen, Kolonialverbrecher aus dem Stadtbild zu entfernen. Doch das gute Gewissen, das diejenigen sich machen, die Denkmäler stürzen, ist selbstgerecht.

Jürgen Kaube | Frankfurter Allgemeine Zeitung

USA, St. Paul: Eine Christopher-Kolumbus-Statue vor ihrem Umsturz Bild: dpa

Die johlende Meute, die kürzlich in Bristol das Denkmal eines Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert in den Avon stürzte, kam sich außerordentlich politisch und antikolonial vor. Genauso wie diejenigen, die in Boston gerade eine Statue von Christoph Kolumbus einen Kopf kürzer gemacht haben. Oder jene, die ihre Empörung über Rassismus gerne an einem Standbild Churchills auslassen würden. Ob Immanuel Kant auch bald dran ist, wissen wir nicht. Müsste er nach der Logik solcher „Politik“ eigentlich sein, aber Kaliningrad ist weit. Doch selbst Bismarck hat es neulich in Hamburg-Altona nicht geholfen, dass er kein Verfechter kolonialer Eroberungen war.

Man kann solche Aktionen der Zerstörung, des Vom-Sockel-Holens und des Beschmierens von Statuen in die Tradition der Bilderstürmerei stellen. Gerade dann aber fällt ein Unterschied der gegenwärtigen zu vergangenen Protesten auf. Es fehlt nämlich eine Revolution, ein gesellschaftlicher Umbruch. Die Taten stehen, anders als historische Bildzerstörungen, nicht im Kontext einer Reformation oder eines Regimewechsels. Hier wird kein Sieg durch Bildersturm bekräftigt, die Statue fällt nicht in einem Krieg. Es sei denn, man würde von einem Krieg gegen lokale Denkmalbehörden sprechen, die beispielsweise sich in Bristol taub stellten, als Bürger verlangten, man möge doch am Denkmal erwähnen, dass der Gezeigte ein Sklavenschinder war.

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