„Es geht darum, eine Todesart gegen die andere einzutauschen“


Gespräch mit dem Wiener Philosophen Robert Pfaller über Corona-Moralismus, Feindseligkeit im öffentlichen Raum und den Zwang zur monogamen Zweierbeziehung

Rüdiger Suchsland | TELEPOLIS

Bild: Markus Distelrath/Pixabay License

Mit Büchern wie „Wofür es sich zu leben lohnt“ und „Erwachsenensprache“ wurde der österreichische Philosoph Robert Pfaller auch in Deutschland bekannt. Pfaller lehrt an der Kunstuniversität Linz Philosophie.

Sie hatten vor ein paar Jahren eine Art Verein gegründet, verbunden mit einer gemeinsamen Erklärung. Der heißt Adults for Adults. Es geht darum, die Erwachsenen gewissermaßen wieder in ihr Recht zu setzen gegenüber einer zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft. Gibt es diesen Verein noch? Und was ist daraus geworden?

Robert Pfaller: Wir sind sozusagen ein loser privater Thinktank, der sich gelegentlich trifft, um aktuelle Fragen zu besprechen. Zu Corona-Zeiten können wir das leider nur elektronisch machen. Aber ich glaube, die Entwicklungen der letzten Zeit haben uns darin bestätigt, dass es notwendig ist, die Mündigkeit von Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern zu verteidigen. Weil es offenbar relativ starke Interessenslagen gibt, die diese Mündichkeit gefährden.

Sie haben das ja in Ihren Büchern beschrieben – unter anderem, dass die Menschen der Gegenwartsgesellschaft oft sehr bereitwillig ihre Freiheiten aufgeben zugunsten von tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Sicherheiten, zugunsten einer gewissen Geborgenheit, die man polemisch auch als „Nanny-Staat“ beschreiben kann. Beobachten Sie das auch jetzt? Was sind aus im Hinblick darauf die Erkenntnisse aus den Corona-Wochen?

Robert Pfaller: Da muss man zunächst ein paar Dinge unterscheiden: Wir haben uns damals vor ungefähr zehn Jahren zusammengefunden, weil wir den Eindruck hatten, dass die Politik gegen die großen Bedrohungen, gegen die die Menschen sich nicht mehr individuell wehren können, nichts unternimmt, aber stattdessen das Schutzbedürfnis der Menschen missbraucht wird, um ihnen Vorschriften in Bereichen zu machen, in denen sie sehr wohl selbst entscheiden können.

Ich halte es zum Beispiel nicht für notwendig, dass man erwachsene Menschen auf den Verpackungen der Tabakwaren vor den Gefahren des Rauchens warnt. Es ist völlig in Ordnung, dass man Zigaretten nicht an Minderjährige verkauft. Aber erwachsene Menschen müssen nicht von anderen erwachsenen Menschen gewarnt werden, dass das Rauchen schädlich ist – das wissen wir, und so müssen wir uns das Nikotin nicht verderben.

Denn in dem Stil könnte und müsste man sonst konsequenterweise unendlich weitermachen: Man könnte auf die Autos Warnschilder kleben mit Bildern von Verkehrstoten, und der Aufschrift, dass der Autoverkehr gefährlich ist und töten kann. Man könnte auch auf jede Treppe Bilder von Gestürzten mit schrecklichen offenen Brüchen hängen… und so weiter – das wäre ja völlig absurd! Und dies war das, was wir damals als „Pseudo-Politik“ bezeichnet haben: Der Staat und die supranationalen Institutionen reagieren dort nicht, wo sie sehr wohl eine Pflicht zu handeln hätten, und stattdessen lenken sie ab, und fangen an, die Menschen in Bereichen zu schikanieren, in denen sie nicht verloren haben.

Die Probleme bei Corona sind andere, als in dem Themenbereich den „Adults for Adults“ bearbeitet. Es ist ein anderer Typ von Situation. Eine Situation, wo der Staat sehr wohl entscheiden muss, ob er handelt und wie. Das können die Bürger nicht alleine entscheiden. Niemand von uns oder nur die allerwenigsten haben genug Expertise, um jetzt zu wissen, wie sie sich verhalten sollen. Also: Zunächst ist es richtig, dass der Staat hier die Initiative ergreift.

Die zweite Frage ist nur, von welchen Experten lassen sich die Regierung beraten? Wie erfolgt die Auswahl der Experten? Wie unabhängig sind diese Experten sowohl beispielsweise von der Pharmaindustrie, als auch von den Regierungen selber? Dies sind die ersten Schwachpunkte in dieser Kette.

Wir sehen zunehmend, dass die relevanten Experten, die von den Regierungen gefragt wurden, die falschen waren – in Österreich etwa hat man hauptsächlich Mathematiker befragt, die dann diese exponentiellen Wachstumskurven berechnet haben, aber man hat nicht die Virologen gefragt, ob wir es hier wirklich mit einer außerdurchschnittlichen Sterblichkeitsrate zu tun haben, und wie hoch eigentlich die Ansteckungsgefahr ist und so weiter. Es hat sich also auch von den Disziplinen her ganz eigenartig entwickelt.

Und man hat andererseits, glaube ich zu wenig darauf geachtet, überhaupt regierungsunabhängige Stellen mit einzubeziehen, Institutionen, die nicht selber zu sehr vom Wohlwollen der Regierungen abhängig sind, um dann wie Echokammern genau das zu sagen, was die Regierungen von ihnen hören wollten.

In erster Linie erleben wir bei Corona also eine Krise der Unabhängigkeit von Expertise. Diese Unabhängigkeit ist durch die neoliberale Umgestaltung der Universitäten und Forschungsinstitute massiv ruiniert worden. In Österreich sind beispielsweise kaum mehr Wissenschaftler verbeamtet, und insofern dann auch unabhängig vom Wohlwollen der Regierungen. Das ist ein ernsthafter Fehler, den man rückgängig machen muss, und es ist eines der ersten Dinge die man im Zuge der Aufarbeitung dieser Krise bewältigen muss.

Zweiter Punkt: Corona ist ein Folgeschaden der Finanzkrise. In Italien gibt es nur ein Fünftel der Intensivbetten von Deutschland, bei ungefähr gleicher Bevölkerungszahl. Das ist die Folge eines direkten Eingriffs der Europäischen Zentralbank während der Finanzkrise, die die italienische Regierung ausdrücklich gezwungen hat, im Gesundheitssektor zu sparen.

Dies ist ein Beispiel dafür, dass von der Europäischen Union ein Verbrecher-Tribunal eingerichtet gehört, analog zum Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Hier haben Menschen andere Menschen konkret zu Tode gebracht durch erzwungene medizinische Unterversorgung. Da gehören wirklich die Verantwortlichen kriminalpolizeilich ermittelt und vor Gericht gestellt.

Also zusammengefasst: Und bei Corona zeigen sich nicht in erster Linie medizinische Probleme, sondern eine ganze Reihe von politischen Verbindungsproblemen, die man bei der Aufarbeitung dieser Krise sehr genau sich wird ansehen müssen.

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