Manipulationen am Tatort?

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Während Zeugen vom Breitscheidplatz erst nach drei Jahren vernommen wurden, bereitete das BKA die Abschiebung des mutmaßlichen Tatkomplizen Ben Ammar bereits vor, als der noch untergetaucht war

Thomas Moser | TELEPOLIS

LKW, mit dem der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verübt wurde. Bild: Emilio Esbardo / CC BY-SA 4.0

Einer der ersten Zeugen am Tat-LKW auf dem Berliner Breitscheidplatz war Michael Roden, Schausteller mit eigener Bude auf dem Weihnachtsmarkt und als Vorsitzender des Berliner Schaustellerverbands zugleich einer der Verantwortlichen der Veranstaltung. Im Untersuchungsausschuss des Bundestags schilderte er jetzt seine Wahrnehmungen. Sein Stand lag etwa 80 Meter von der Anschlagsschneise entfernt. Als er etwa eine Minute später am LKW ankam, stand die Fahrertür sperrangelweit offen, die Beifahrertüre war geschlossen. Er sah im Cockpit nach rechts gebeugt einen toten Mann liegen.

Seine Beschreibung des LKW-Inneren deckt sich nicht mit den Fotos, die die Spurensicherung später gemacht hat. Er sah innen ein „benutztes Fahrzeug“, wie es „in einem LKW eben aussieht“, so der Zeuge, aber „kein Chaos“. Die Bilder der Tatortermittler zeigen dagegen etwas anderes: ein wildes Durcheinander. Als ihm die Fotos im Ausschuss vorgelegt wurden, war er überrascht: Nein, so habe er die Kabine nicht in Erinnerung. Vor allem eine Stoffdecke, die auf den Bildern zu sehen ist, habe seiner Meinung nach dort nicht gelegen.

Unter der Decke fanden die Spurensicherer der Tatortgruppe am Folgetag die Geldbörse, in der Anis Amris Duldungsbescheinigung steckte. Es ist das entscheidende Fundstück, das zu der Festlegung des Täters führte. Die zwei anderen Fundstücke, zwei Handys, waren nicht direkt als Eigentum Amris zu erkennen. Ein Handy wurde außen in einem Karosserieloch gesichert, das andere ebenfalls im LKW-Inneren. Doch während dieses Gerät mit Glasstaub bedeckt war, also tatsächlich im Fahrzeug gelegen haben muss, als es zu den Kollisionen auf dem Weihnachtsmarkt kam, fehlte auf der Geldbörse der Glasstaub. Sie lag unter jener Decke, die noch nicht dagewesen sein soll, als der Schausteller Michael Roden kurz nach dem Anschlag in die Kabine schaute.

„Dann muss jemand den Tatort verändert haben“, so Ausschussmitglied Irene Mihalic (Bündnis 90/Die Grünen) – oder wie sonst sei das Chaos in den LKW gekommen? Ist die Unordnung vielleicht durch die Bergung des toten Fahrers entstanden? Aber würde das auch das Gesamtbild und den fehlenden Glasstaub an der Geldbörse erklären?

Drei Stunden lang, vom Anschlagszeitpunkt 20 Uhr bis zum Auftauchen der Tatortgruppe um 23 Uhr, war der LKW nicht gesichert und zumindest für Polizisten und Rettungskräfte, aber theoretisch auch für die Schausteller zugänglich. Ungeklärt ist, wer die zwei Polizisten in Zivil waren, die kurz nach dem Anschlag bereits vor Ort waren und Anweisungen gaben.

Zeuge Michael Roden stand auf einer der Trittstufen des LKW, als er hineinschaute, ging zwar nicht hinein, fasste das Fahrzeug aber an und hinterließ Fingerabdrücke und möglicherweise auch DNA. Vergleichsproben, um sie als mögliche Täterspuren auszuschließen, wurden von ihm aber nicht genommen. Überhaupt wurde der Tatortzeuge erst im Dezember 2019 zum ersten Mal vom BKA vernommen. Schaustellerkollegen sei es genauso gegangen, berichtete er.

Tage vor dem Anschlag soll sich die Polizei „aufgerüstet“ und ihre Präsenz verstärkt haben

Als Verantwortlicher des Weihnachtsmarkts stand Roden in ständigem Kontakt mit der Einsatzleitung der Polizei vor Ort. Er schilderte, dass sie beim Aufräumen unter Schutt eine abgetrennte Hand gefunden haben. Nach zwei Tagen sei alles, Sperrmüll, Schutt, aber auch potentielle Asservate, in Containern gesammelt und dann entsorgt worden. Ob die Container noch kriminaltechnisch durchsucht wurden, ist unklar. Auch sie waren nicht bewacht.

Mehrere Zeugen wollen einen Schuss gehört haben, nachdem der LKW zum Stillstand gekommen war. Ein Zeuge spricht sogar davon, im LKW Mündungsfeuer gesehen zu haben. Eine Patronenhülse wurde nach Angaben der Spurensicherer aber weder im LKW noch auf dem Breitscheidplatz gefunden. Das erweist sich angesichts der Umstände mit den Abfallcontainern jetzt als wenig aussagekräftig.

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