Sibylle Lewitscharoff: „Predigt-Sprache ist verkommen“


Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff wirft den Kirchen vor, „lendenlahm“ zu predigen. „Als würde die Predigt in Lenor gewaschen“, sagte Lewitscharoff im Dlf. Sie sprach von einer „Weichspülorgie“ und entschuldigte sich, weil sie damit verallgemeinere.

Sibylle Lewitscharoff im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff zu Gast im Studio im Jahr 2015 (Deutschlandradio – Andreas Buron)

Andreas Main: Frau Lewitscharoff, als wir uns vor ein paar Monaten verabredet haben für diese Sendung, schrieben Sie mir in einer E-Mail: „Das Totenreich hat mich immer noch am Wickel.“ Sie sind also quasi Opfer der Toten? Oder suchen Sie aktiv ihre Nähe? Fühlen Sie sich hingezogen zum Totenreich, zu diesen anderen Welten?

Sibylle Lewitscharoff: Ich fühle mich zu diesem Thema hingezogen und es ist übrigens auch ein exquisit literarisches Thema, denn die Literatur kann es sich ja erlauben, sich da sozusagen „hineinzuwurmisieren“, ja, also, was man sonst ja nicht so unbedingt kann. Die können ja behaupten da oben. Ja? Und das hat mir immer schon Spaß gemacht, dieses Reich auszuloten. Und das Buch, das jetzt erscheint, im September beim Herder Verlag, habe ich zusammen mit einem Kollegen geschrieben – Heiko Michael Hartmann. Und da geht es tatsächlich darum: Wir sind beide gestorben bei einem Flugzeugabsturz und wir streiten uns da oben im Himmel wie die Kesselflicker. Das ist richtig klasse. Ein Gespräch im Jenseits.

„Ich war ein sehr frommes Kind“

Main: Diese Geistwesen zwischen Himmel und Erde oder auch im Jenseits, ich vermute, Sie wollen der Idee eine Chance geben, dass es irgendwie Merkwürdigkeiten gibt jenseits des naturwissenschaftlich Bewiesenen.

Lewitscharoff: Ja, das liegt sicher auch daran. Ich war ein sehr frommes Kind. Ich habe immer sehr gerne zu Jesus und Gott gebetet. Ich habe sogar meinen Rauhaardackel mit ins Bett genommen, habe ihm die Pfoten zusammengelegt und habe mit ihm gebetet. Was der nicht so sonderlich mochte im Übrigen. Aber ich war außerordentlich fromm als Kind, wirklich, also andächtig geradezu.

Mit zwölf, 13 war das weg, zugunsten von Spartakus, Bolschewiki, Leninisten. Da gehen Sie eine ganz andere Richtung. Aber das Thema hat mich sehr schnell wieder in Berlin eingeholt. Nicht umsonst habe ich Religionswissenschaft studiert, obwohl das nicht Theologie ist. Und dann ist eigentlich auch so etwas wie ein – ich sage mal – spekulatives, nicht Gottvertrauen, aber eine spekulative Gottsuche hat wieder begonnen.

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