Ex-ultraorthodoxer Jude über seinen steinigen Weg: «Zehn Jahre wusste ich nicht, wie ich aussehe»


Auf Netflix boomen Geschichten über ultraorthodoxe Juden und solche, die dieser Welt den Rücken kehren. Auch Akiva Weingarten hat bereits ein filmreifes Leben hinter sich. Der 35-jährige Amerikaner ist seit einem Jahr Rabbiner der liberalen jüdischen Gemeinde Basel. Der Weg dahin war steinig.

Martina Rutschmann | bz

Wohl der einzige liberale Rabbiner auf der Welt, der einen Shtreimel, einen Pelzhut, trägt: Akiva Weingarten, Rabbi der «Migwan»-Gemeinde Basel. © Kenneth Nars

Bei Kindern hört die «Warum?»-Phase irgendwann auf, Akiva Weingarten aber steckt auch mit seinen 35 Jahren noch mittendrin. Es sieht nicht so aus, als würde er die Frage je aus seinem Wortschatz verbannen. Zu viel gibt es, was er noch wissen muss, wofür er eine Erklärung braucht. Von den ultraorthodoxen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde im Bundesstaat New York, in die er hineingeboren wurde, erhielt er als Teenager keine befriedigenden Antworten. Oft hiess es lapidar: «Es ist halt so.» Ein Rabbiner kritisierte den jungen Weingarten einst als «Manhig», als Provokateur. Für diesen Stempel reichten Fragen wie: Warum muss ich bei 35 Grad Pelzhut und Obergewand tragen? – «Weil es halt so ist.»

Es ist Freitagmittag im Juni, in einigen Stunden beginnt der Sabbat, der siebte Wochentag im Judentum. Akiva Weingarten ist eben in Basel angekommen. Sein schwarzer Audi mit Dresdner Kennzeichen steht im Eingang der Synagoge am Herrengrabenweg im Gotthelfquartier. Der Bau sieht aus wie ein durchschnittlicher Wohnblock. Einzig das Schild «Migwan – Liberale Jüdische Gemeinde» weist darauf hin, dass hier auch gebetet wird.

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