Theologe zu Rassismus-Debatte: Kirchenlieder gehören auf den Prüfstand


„Singt dem Herrn, alle Völker und Rassen“: Auch über eine Änderung von Liedtexten wie diesem müsse nachgedacht werden, sagt Marco Moerschbacher in der aktuellen Debatte. Doch wenn es um Rassismus und Kirche gehe, müsse noch viel mehr auf den Tisch.

Joachim Heinz | katholisch.de

Weltweit gehen Menschen gegen Rassismus auf die Straßen. An Denkmälern von Königen und Sklavenhändlern wird gerüttelt; in Deutschland ist eine Debatte über den Begriff „Rasse“ im Grundgesetz entbrannt. Was da gesellschaftlich verhandelt wird, betrifft auch die Kirche. Denn Kirche war und ist Abbild der Gesellschaft – „mit allen Höhen und Tiefen“, sagt der Theologe Marco Moerschbacher (56), Mitarbeiter des Missionswissenschaftlichen Instituts und von missio Aachen. Im Interview spricht er unter anderem über die Söhne des biblischen Urvaters Noah, über eifrige Missionare, verkrustete Strukturen im Vatikan und Kirchenlieder.

Frage: Herr Moerschbacher, lassen Sie uns über Rassismus in der Kirche reden. Wo fangen wir am besten an?

Moerschbacher: Vielleicht nicht bei Adam und Eva, aber bei den Söhnen von Noah. Aus der biblischen Geschichte um Sem, Ham und Japhet wurde jahrhundertelang eine angebliche Unterlegenheit schwarzer Menschen abgeleitet. Das haben noch manche Befürworter der Apartheid in Südafrika getan.

Frage: Wie das?

Moerschbacher: Als Noah nach einem Rausch aufwacht und erfährt, dass Ham ihn als einziger der drei nackt gesehen hat, verflucht er seinen Sohn und dessen Nachkommen. Sie sollen von nun an die Knechte von Hams Brüdern sein. Diese Nachkommen, so hieß es, seien die Afrikaner, während Sem als Stammvater der Semiten galt und Japhet als Urahn der weißen Menschen.

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