Exklusiv-Recherche: BND spionierte jahrzehntelang am Parlament vorbei – Operation „Maximator“


Der BND hat über Jahrzehnte am Parlament vorbei die weltweite Kommunikation ausspioniert. Das geht aus bisher geheimen Dokumenten hervor. Die Exklusivrecherche.

Peter F. Müller, Ulrich Stoll, David Ridd | Frankfurter Rundschau

Flaschenpost vom BND? Die Illustration zierte eine Einladungskarte zu einem Treffen der Geheimrunde. © Originaldokument, nachgezeichnet/FR-Grafik

Schon der erste Torpedo tötet 270 argentinische Seeleute im Heck des Kreuzers „General Belgrano“. Auf dem Kriegsschiff herrscht nach dem Treffer Chaos. „Ein Kamerad war überall verbrannt, auch im Gesicht“, erinnert sich Marcelino Vargas, der damals auf der „Belgrano“ diente. „Er war nackt, weil die Explosion ihm die Kleidung vom Leib gerissen hatte.“ Der zweite Torpedo – ebenfalls abgefeuert vom britischen Atom-U-Boot „Conqueror“ – besiegelt das Ende der „Belgrano“ und bringt den Kreuzer am Nachmittag des 2. Mai 1982 zum Sinken. Dieser Sonntag gilt als der blutigste Tag des britisch-argentinischen Krieges um die Falklandinseln. 323 Besatzungsmitglieder der „Belgrano“ verloren ihr Leben. Der Kommandeur der „Conqueror“, Captain Christopher Wreford-Brown, hatte wenige Tage vor dem Angriff auf die „Belgrano“ Hinweise auf die Position des argentinischen Kreuzers 230 Meilen südlich der Inseln bekommen. „Wenn sie tatsächlich dort sind, kann man sagen, dass die Unterstützung durch unseren Geheimdienst ausgezeichnet ist“, notierte Wreford-Brown in seinem Logbuch, kurz bevor er die „Belgrano“ sichtete. Erst jetzt, fast vierzig Jahre später, ist geklärt, warum die Briten mit der erwähnten Geheimdiensthilfe die „Belgrano“ überhaupt finden konnten: Weil es dem deutschen Auslandsnachrichtendienst BND möglich war, kodierte Funksprüche zu entschlüsseln. Die Geschichte dieses Geheimdienstcoups beginnt drei Jahre zuvor am anderen Ende der Welt, in einem bayerischen Wirtshaus.

An einem warmen Spätsommernachmittag des Jahres 1979 trinkt eine Gruppe von Geheimdienstmitarbeitern in einem Biergarten in der Nähe von München ihr Feierabendbier. Tagsüber haben sich die europäischen Abhörspezialisten aus Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Deutschland in der BND-Zentrale in Pullach über ihre Arbeit ausgetauscht. Wie schon in den Jahren zuvor, war es dabei vor allem um die Entschlüsselung von Funkverkehren gegangen, die sie in ihren über die ganze Welt verteilten geheimen Lauschstationen sammeln und untereinander teilen. Aber ihre Treffen sind keine Spielerei, kein Come-together zum lockeren Gedankenaustausch: Sie wollen ein Gegengewicht zu den „Five Eyes“ bilden, jenem Geheimdienstbund, den die USA, Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet hatten. Und nun suchen die Männer am Biertisch nach einem Decknamen für ihre neue Allianz. Als die Bedienung die Maßkrüge mit einem kräftigen Dunkelbier bringt, ist die Tarnbezeichnung gefunden: Operation „Maximator“, benannt nach dem süffigen, siebeneinhalbprozentigen Doppelbock aus der Münchner Augustiner-Brauerei.

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