Das Unbehagen am Freiheitsentzug


Schuld und Sühne: Der ehemalige Leiter einer Strafvollzugsanstalt Thomas Galli denkt darüber nach, wie Kriminelle in Zukunft bestraft werden sollten.

Jörg Kinzig | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Als Vorbereitung auf das Leben danach kann die Fristung des Lebens hier kaum gelten: Zellengang in einem deutschen Gefängnis. Bild: Michael Kretzer

Obwohl es noch zu früh ist, die staatlich verordneten Einschränkungen in der Corona-Krise zu bewerten, haben sie uns eines schon jetzt deutlich gezeigt: Eingriffe in die menschliche Freiheit können überaus schmerzhaft sein. So haben auch wir nunmehr eine leise Ahnung davon, was es bedeutet, längere Zeit auf engem Raum zubringen zu müssen. Dabei besitzt der Normalbürger gegenüber dem Strafgefangenen noch das Privileg, auswählen zu können, mit wem er Tisch und Bett teilt. Und darüber hinaus dürfte selbst die kleine Mietwohnung in einem Mehrfamilienhaus noch deutlich komfortabler ausfallen als die Einzelzelle in einer deutschen Justizvollzugsanstalt.

Corona führt zudem zu einem seltsamen Effekt: Während wir zusammenrücken, beginnen sich die deutschen Gefängnisse zu leeren. Freiheitsstrafen werden unterbrochen, Haftantritte verschoben. Aus der Türkei wird gar gemeldet, dass die Gefahren des Virus rund neunzigtausend Straftätern dazu verhelfen sollen, vorzeitig ihre Freiheit wiederzuerlangen. Diese aus der Not geborene Politik eines Verzichts auf Inhaftierungen, die bis jetzt erstaunlich geräuschlos vonstattengeht, wirft die Frage auf, ob unsere Strafanstalten nicht weit weniger benötigt werden, als wir das bisher für möglich gehalten haben.

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