Zensur für den guten Zweck?


Die Zivilgesellschaft applaudiert, wenn Großkonzerne wie Coca Cola eine Werbepause für Facebook und Co. ankündigen, weil ihnen angeblich die Inhalte nicht passen

Peter Nowak | TELEPOLIS

Grafik: TP

Man stelle sich vor, große Player wie Unilever, Coca-Cola und Co. hätten vor 30 Jahren einen Werbeboykott gegen verschiedene Zeitungen geplant, weil sie mit deren Berichterstattung unzufrieden waren. Es wäre eine große Empörung in der kritischen Öffentlichkeit zu hören gewesen über die versuchte Einflussnahme von großen Konzernen auf die Pressefreiheit.

Noch 1978 sorgte die Entlassung des stellvertretenden Chefredakteurs der Illustrierten Stern, Manfred Bissinger, für einen wochenlangen politischen Skandal in der BRD. Hinter den Sozialdemokraten Bissinger, der manchen Stern-Werbekunden zu kritisch war, sammelte sich eine Menge linksliberaler Unterstützer.

Doch wenn heute Coca-Cola, Unilever und Co. einen Boykott von Werbung in den sozialen Netzwerken offiziell mit deren Inhalten begründen, bekommen sie von Teilen der Zivilgesellschaft Lob. Denn die Konzerne haben ihren Boykott als Unterstützung der von der Anti Defamation League (ADL) initiierten Kampagne Stopp Hate for Profit bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen der in den letzten Jahren zunehmenden Versuche, die freie Rede mit moralischen Floskeln einzuschränken.

Eine Verteidigung des Hasses

Dazu trägt der inflationär gebrauchte Begriff des „Hasses“ bei, der dazu führen kann, dass jede Kritik zunächst disqualifiziert und dann sogar verboten wird. Unbestritten ist, dass darunter viele antisemitische und rassistische Äußerungen fallen. Aber dann soll man sie auch so benennen und genau unter diesen Begriffen bekämpfen und nicht mit den dehnbaren Gummibegriff „Hass“ zu einer Entpolitisierung beizutragen.

Hass ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die ganz unterschiedliche Ursachen hat. Es ist politisch äußerst kontraproduktiv, die unterschiedlichsten Beweggründe von Hass mit diesem Begriff einebnen zu wollen. Da gibt es die Überlebenden des NS-Systems, die viele ihrer Angehörigen in diesem Terrorsystem verloren haben. Sie hassen die Protagonisten des NS-Systems und vielleicht auch Deutschland insgesamt, das sie nicht ohne Grund mit diesen NS-System verbunden haben.

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