Die Zeugen Jehovas betreiben Mobbing, das bestätigt ein Zürcher Gericht – und bringt die Gemeinschaft damit auch in Deutschland in Verlegenheit


Kritiker dürfen ungestraft sagen, dass die Ächtung von Aussteigern bei den Zeugen Jehovas gegen die Menschenrechte und die Verfassung verstösst. Das wirft Fragen auf bezüglich der staatlichen Anerkennung der Kirche.

Simon Hehli, Daniel Gerny | Neue Zürcher Zeitung

Mitglieder der Zeugen Jehovas bei einem Bezirkskongress im Zürcher Hallenstadion. Alessandro Della Bella / Keystone

Plötzlich war Christian Rossi allein. Alle seine Freunde, die er seit zwanzig Jahren kannte, sprachen nicht mehr mit ihm, grüssten ihn auf der Strasse nicht. Keine SMS, keine E-Mail mehr. «Sie haben mich einfach ignoriert, als existierte ich nicht», so erinnert er sich. Es war die Strafe für Rossis Glaubensabfall: Er wollte kein Zeuge Jehovas mehr sein und hatte sich von der Glaubensgemeinschaft losgesagt. In solchen Fällen reagieren die Zeugen Jehovas mit sozialer Ächtung. Auf ihrer Website schreiben sie dazu: «Setzt sich jemand aus unseren Reihen immer wieder über die Normen der Bibel hinweg und zeigt keinerlei Reue, muss er ausgeschlossen werden, und der Kontakt wird abgebrochen.»

Kritiker sagen seit Jahren, das, was Christian Rossi und vielen anderen widerfahren sei, sei nichts als Mobbing. Solche Vorwürfe hört die umstrittene, in der Schweiz rund 20 000 Anhänger zählende Religionsgemeinschaft nicht gerne. Sie geht zuweilen juristisch aggressiv gegen jene vor, die sie äussern. Doch vor dem Zürcher Bezirksgericht haben die Zeugen Jehovas im Sommer 2019 eine empfindliche Niederlage erlitten, die Auswirkungen über Zürich und die Schweiz hinaus haben dürfte. Das Urteil ist nun rechtskräftig geworden, weil die Gemeinschaft darauf verzichtet hat, es weiterzuziehen – entgegen ihrer ursprünglichen Absicht.

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