Mangel an Hilfsbereitschaft ist keine rein menschliche Schwäche


Artgenossen helfen sich gerne, wenn andere mitziehen. Im Verhaltensexperiment mit Ratten beobachten Forscher den Zuschauereffekt.

Roland Knauer | DER TAGESSPIEGEL

Fluchthilfe im Verhaltensexperiment: Eine Ratte befreit einen Artgenossen bereitwillig aus misslicher Lage.Foto: David Christopher, University of Chicago

In den frühen Morgenstunden des 13. März 1964 wurde Kitty Genovese auf offener Straße in New York mit Messerstichen ermordet. Mindestens 38 Menschen beobachteten Teile des Geschehens, aber niemand half der 28-jährigen Frau. Der Mord ist ein drastisches Beispiel für ein in der Psychologie bekanntes Phänomen: Die Hilfsbereitschaft für Menschen in Notlagen sinkt, wenn andere Beobachter untätig bleiben.

Nun zeigt sich im Tierversuch, dass dieser Zuschauereffekt kein rein menschliches Versagen ist. Die Neurobiologin Peggy Mason von der University of Chicago und ihre Kollegen berichten in der Zeitschrift „Science Advances“, dass sich Ratten ähnlich verhalten.

Allerdings mussten die Nagetiere keine Gewalttat an einem Artgenossen beobachten, sondern ihn nur aus einem durchsichtigen Acryl-Käfig befreien. An einem Ende gab es eine Tür, die aber nur von außen geöffnet werden konnte. Es zeigte sich, dass die Tiere schnell lernten, ihre Artgenossen zu befreien, auch wenn sie nicht belohnt wurden.

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