Den autoritären Charakteren den Nährboden entziehen


Warum ist es für manche attraktiv, autoritäre Parteien zu wählen? Um das zu verstehen braucht es mehr als Politikwissenschaft, sagt Katrin Henkelmann: In dem Fall müssten Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie zusammenforschen.

Barbara Knopf | BR24

Der Sammelband „Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters“ beschäftigt sich mit der Frage, warum Autoritäten in der Politik so wirken. © Audio: BR / Bild: picture alliance / AP Photo

Das derzeitige Heldenmodell unter den Politschaffenden scheint der autoritäre Autokrat zu sein, von Trump bis zu Putin. Jüngstes Beispiel: Der rechtsnationale ungarische Ministerpräsident Victor Orban kündigt an, die angesehene Universität für Schauspiel- und Filmkunst in Budapest an eine regierungsloyale Stiftung zu übergeben. Regierungsergebene Gefolgsleute werden dann über die künstlerische Ausrichtung und Lehre bestimmen. Ein weiterer Schritt, um eine völkisch-klerikale Staatskultur wiederherzustellen, fürchten zahlreiche protestierende Kulturschaffende, deren Protest verhallt. Aber: Autorität verkauft sich in einer hochkomplexen Welt als Versprechen auf durchgreifende Einfachheit. Gerade ist ein Buch erschienen zur „Aktualität des autoritären Charakters“: „Konformistische Rebellen“ versammelt rund 20 Aufsätze zum Autoritarismus. Barbara Knopf hat mit einer der Herausgeberinnen, Katrin Henkelmann, für die Kulturwelt gesprochen.

Barbara Knopf: Frau Henkelmann, Viktor Orban ist ja nur ein Beispiel. Autokraten haben Aufwind, autoritäre Parteien und Bewegungen genießen Zulauf – trotz fehlender Konzepte oder politischer Lösungen. Sie schlagen einen Bogen zurück in die Historie, zu Schriften der Frankfurter Schule, von Horkheimer, von Löwenthal, die zum autoritären Charakter geforscht haben. Das ist interessant – inwiefern ist das denn noch aktuell oder auch hilfreich für die jetzigen Probleme?

Katrin Henkelmann: Natürlich muss man erst mal sagen, dass sich viel verändert hat in den letzten 70, 80 Jahren. Zuerst einmal die familiäre Sozialisation: Den autoritären, strafenden, gewalttätigen Vater gibt es zumindest in der Ausprägung und Verbreitung so nicht mehr. Es geht eher um den Nährboden, um das faschistische Potenzial. Adorno schreibt, dass sie das potenziell faschistische Individuum untersuchen. Was führt dazu, dass Menschen anfällig sind für autoritäre Propaganda – gerade in krisenhaften Zeiten, in denen sich das Individuum besonders ohnmächtig fühlt gegenüber der eigenen Lebenssituation und gegenüber den Marktverhältnissen? Wenn beispielsweise wieder eine Welle von Arbeitslosigkeit oder, wie jetzt in der Corona-Krise, plötzlich 3.000 Stellen gestrichen werden und man arbeitslos ist, obwohl man immer eine gute Arbeit gemacht hat. Dann wird diese Ohnmacht vielleicht verklärt, um sie emotional zu bewältigen. Nicht, indem man darüber nachdenkt, was die gesellschaftlichen Ursachen sein könnten für die eigene prekäre Situation, sondern indem man in den autoritären Bewegungen eine Art Zuflucht findet. Eine Zugehörigkeit, die man auch nicht verlieren kann, die eine bestimmte Macht gibt. Gerade in Krisenzeiten kann das vermehrt zum Ausdruck kommen.

Es findet sich in Ihrem Buch der interessante Satz: „Zum Verständnis der Ursachen“ – also von Autoritarismus – „tragen politikwissenschaftliche Untersuchungen meist nur wenig bei“. Was hilft aber dann? Was ist Ihr Ansatz?

Das Problem ist: Politikwissenschaftliche Untersuchungen können zwar viel erklären, also beispielsweise, warum zum Zeitpunkt X welche Faktoren möglicherweise einen Aufstieg von bestimmten Parteien begünstigt haben. Oder welche Wählerwanderung es gibt. Aber warum es überhaupt attraktiv ist, autoritäre Parteien zu wählen, das können sie nicht beantworten. Warum wählt eine arbeitslose Person die AfD, obwohl die ein neoliberales Wirtschaftsprogramm vertritt? Das ist eine Frage, bei der die Politikwissenschaft notwendigerweise auf die Soziologie beziehungsweise auf die Psychologie verweisen muss. Der Ansatz der Kritischen Theorie versucht, solch irrationales Verhalten zu verstehen. Adorno und die anderen Forscher und Forscherinnen der Berkeley Gruppe, die die Studien zum autoritären Charakter durchgeführt haben, haben neben quantitativen Untersuchungen, also Fragebögen, später auch qualitative Interviews gemacht. Sie haben mit den Menschen intensiv über deren Einstellung geredet. Das wird heutzutage nur noch selten gemacht, weil das natürlich relativ aufwendig ist. Tatsächlich ist es natürlich so: Wenn es eine starke emotionale Komponente gibt, wenn es als Ersatzbefriedigung für bestimmte Bedürfnisse herhält, dann gibt es natürlich auch Grenzen der Aufklärung. Nach der Theorie des autoritären Charakters ist der Autoritarismus gesellschaftlich produziert – was das Ganze natürlich erst einmal schwer veränderbar macht. Aber genau das muss eigentlich der Anspruch sein: Langfristig zu schauen, dem Autoritarismus den Nährboden zu entziehen und der Entstehung von autoritätsgebundenen Charakterstrukturen entgegenzuwirken. Ich denke, da ist dann eine Kritik der politischen ökonomischen Grundlagen von Nöten.

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