Markus Gabriel: „Was wir vorher gemacht haben, war ein Jahrtausendfehler“


Markus Gabriel über den zertrümmerten Glauben an das gute Leben im Wirtschaftswachstum und über die Philosophie als professionelles Elfenbeinturm-Geschäft sowie als wesentlichsten Ratgeber in der aktuellen Lage.

Michael Hesse | Frankfurter Rundschau

Auch afrikanische Ballettratten müssen in diesen Tagen ins Homeoffice gehen und sich via Tech-Monopolisten-Netz unterrichten lassen. © Gordwin ODHIAMBO / AFP

Professor Gabriel, Sie selbst haben sich häufig zur Coronakrise geäußert, von anderen Philosophen hört man wenig, wie kommt das?

Viele Philosophen haben leider nicht mehr den Anspruch, das zu tun, was Hegel uns aufgetragen hat: Die eigene Zeit in Gedanken zu fassen. Die Philosophie versucht zu verstehen, was geschieht, um auf dieser Grundlage ein Modell für eine bessere Zukunft zu entwerfen. Sofern die Philosophie lediglich ein professionelles Elfenbeinturm-Geschäft ist, ist sie noch lange keine große Philosophie. Es gibt ja auch einen Unterschied zwischen Malen nach Zahlen und etwa dem Expressionismus. Große Philosophie ist so ähnlich wie große Kunst. Man kann an einer Kunsthochschule bestimmte Techniken lernen, ist aber dann noch lange nicht Jackson Pollock. Große Philosophie muss, wie gesagt, den Anspruch haben, ihre Zeit in Gedanken zu fassen. Viele Philosophen erheben diesen Anspruch aber nicht und bleiben damit hinter dem zurück, was die Gründer der Philosophie uns aufgetragen haben, dass die Fackel, das olympische Feuer der Philosophie, die seit tausenden Jahren weitergetragen wird, nun auch fortgetragen wird.

Die Denker sind zu verschlossen?

Es liegt nicht nur an den Philosophen selbst, sondern auch daran, dass sie nicht richtig gefragt werden, weil die Philosophie im Gefüge unserer Gesellschaft nicht die Zentralstellung einnimmt, die sie in einer aufgeklärten Gesellschaft verdient. Das ist also auch ein Aufklärungsdefizit unserer Gesellschaft, dass die Philosophen in Krisenzeiten nicht angemessen gehört werden, sondern die ganz Falschen, zum Beispiel die neoliberalen Ökonomen, die man auf gar keinen Fall fragen sollte, wie wir unsere Gesellschaft gestalten sollten, denn die haben sie ruiniert.

Das müssen Sie genauer erklären.

Es gibt diese Allmachtsphantasie der Ökonomen, man könne die Zukunft durch Prognosen vorhersagen und kontrollieren. Das alles ist eigentlich mit der Finanzkrise bereits widerlegt worden. Nichts kann man vorhersagen! Die Zukunft ist etwas, das wir gestalten, durch absichtlich moralisch angeleitetes Handeln und Nachdenken beeinflussen können. Doch sie lässt sich nicht durch wirtschaftswissenschaftliche Modelle kontrollieren. Das meiste davon ist Humbug.

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