Ein eigenwilliger Blick auf die Geschichte?


Joseph Biden, der demokratische Herausforderer des amtierenden republikanischen US-Präsidenten, wurde gestern bei einem Wahlkampftreffen mit Ärzten und Krankenhausangestellten gefragt, was er davon halte, das Donald Trump das Sars-CoV-2-Virus „China-Virus“ nennt.

Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

George Washington als Landwirt in Mount Vernon, gemalt von Junius Brutus Stearns (1810 – 1885)

Der 77-Jährige meinte darauf hin, er finde es „absolut widerlich“, wie der aktuelle Präsidentenamtsinhaber „mit Menschen umgeht, basierend auf der Farbe ihrer Haut, ihrer nationalen Herkunft, woher sie kommen“. Das habe „kein amtierender Präsident jemals getan“. Und er bekräftigte: „Niemals, niemals, niemals. Kein republikanischer Präsident, kein demokratischer Präsident. Es gab schon immer Rassisten, die versucht haben, zum Präsidenten gewählt zu werden. Er ist der erste, der es geschafft hat.“

Donald Trumps Kampangnensprecherin Katrina Pierson, die Tochter einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, meinte dazu, der Präsident, liebe alle Menschen und arbeite hart daran, alle Amerikaner zu stärken. Bidens Vorwurf sei „eine Beleidigung der Intelligenz der schwarzen Wähler“.

Kinder ihrer Zeit und facettenreiche Persönlichkeiten

Tatsächlich könnten sich manche von ihnen nach einem Blick in die amerikanische Geschichte fragen, ob sie Biden hier für dumm verkaufen will. Die bislang 45 US-Präsidenten waren nämlich nicht nur stets Kinder ihrer Zeit (wie etwa der Indianerumsiedler Andrew Jackson), sondern häufig auch Persönlichkeiten mit vielen Seiten. Gründervater Thomas Jefferson etwa setzte sich für ein Verbot des interkontinentalen Sklavenhandels ein und nannte die Sklaverei in einem persönlichen Entwurf der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ein „abscheuliches Geschäft“, eine „Anhäufung von Schrecken“ und ein „Verbrechen gegen die Menschheit“.

Seine französischen Mahlzeiten ließ er sich trotzdem von Sklaven zubereiten, die er von seinem Vater geerbt hatte. In seinem 2.000 Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb war eine mittlere dreistellige Zahl davon tätig. Eine Freilassung der amerikanischen Sklaven sollte seiner in einen Brief an den damaligen Harvard-Präsidenten Jared Sparks und seinen Notizen über Virginia niedergelegten Meinung nach mit einer Umsiedlung der Dunkelhäutigen nach Afrika und in die Karibik verbunden werden, da es sich bei ihnen und den weißen Amerikanern um „zwei getrennte Nationen“ handle.

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