Der Jude Jesus: Versuche einer „Heimholung“


Es war ein Skandal, den von Christen als „Messias“ verehrten Jesus als Jude zu bezeichnen. Dadurch wurde er für viele Jüdinnen und Juden zu einem Tabu. Doch immer wieder haben sich jüdische Intellektuelle mit dem Leben des „jüdischen Jesus“ befasst.

Stefanie Oswalt | Deutschlandfunk Kultur

Der Rabbiner Walter Homolka hat einen Überblick über die Beschäftigung jüdischer Gelehrter mit dem historischen Jesus verfasst. (picture alliance / Wolfgang Kumm / dpa)

Berlin 1879. Mit seinem Gemälde „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ löst der Maler Max Liebermann Entsetzen aus. Die christliche, von antisemitischen Ressentiments geprägte Öffentlichkeit empfindet es als skandalös, dass der jüdische Künstler sich hier eine Darstellung von Jesus erlaubt – und ihn nicht als Messias darstellt – sondern, ganz naturalistisch, als jüdischen Knaben mit ungekämmtem, schwarzen Haar und barfuß.

Der antisemitische, protestantische Hofprediger Adolf von Stoecker spricht von einer „Verhöhnung und Verspottung“ des Christentums. Liebermann übermalt schließlich sein Bild, bevor er es – nun angepasst an gängige Jesusdarstellungen – 1884 in Paris auf einer Ausstellung präsentiert.

Die Frage nach dem jüdischen Jesus beschäftigt viele

„Der Dominanz des Christentums und seines triumphalen Anspruchs auf den Besitz der universalen Wahrheit wollten Künstler wie er (Liebermann) ein selbstbewusstes Judentum entgegenstellen. Ein Judentum, das sich gegen Antisemitismus behaupten kann und stolz ist auf seine Einzigartigkeit. Ein Judentum, das deshalb Jesus ganz als Teil des Judentums begreifen kann – als jemand, der die Werte des Judentums für die ganze Menschheit zugänglich macht.“

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