Kommentar zum Vatikan-Papier: Der Aufstand der Lämmer


Papst Franziskus beschreitet einen reformerischen Weg, aber die Autoren des umstrittenen Vatikan-Papiers bleiben dahinter weit zurück. Sie sind in überholten Rollenmodellen verhaftet, meint Tilmann Kleinjung. Warum spricht der Papst kein Machtwort?

Tilmann Kleinjung | BR24

Das Schaf gilt als braves Herdentier, das seinem Hirten folgt – wohin auch immer. Das Bild vom Hirten und der Herde bestimmt seit zwei Jahrtausenden das Denken der katholischen Kirche. Gemeinde und Priester sollen wie Herde und Hirte sein. Die Rolle kann unterschiedlich interpretiert werden: der fürsorgliche und väterliche Hirte. Oder: Ich bestimme, wo es langgeht.

Gemeinden keine willenlosen Schafe mehr

Nur was tun, wenn alte Rollenbilder überholt sind? Katholische Gemeinden verstehen sich schon lange nicht mehr als willenlose Schafherden. Und immer weniger Priester fühlen sich in der Rolle des obersten Aufpassers und Ansagers wohl.

Am Vatikan scheint diese Entwicklung spurlos vorübergegangen zu sein. 48 mal taucht das Wort vom Hirten im Text der römischen Kleruskongregation auf, der am Montag veröffentlicht wurde und seitdem für Streit und Ärger in der katholischen Kirche sorgt: der Aufstand der Lämmer.

Das ganze Papier ist gekennzeichnet durch ein Maß an Realitätsferne, das selbst die größten Kritiker der Kirchenzentrale nicht mehr zugetraut hatten.

Reformen des Papstes konterkariert

Immerhin regiert mit Franziskus ein Papst, der seine Kirche öffnen will. Nach der Amazonassynode hat er anerkannt, dass viele Gemeinden in der Amazonasregion von Frauen geleitet, getragen, seelsorgerlich betreut werden.

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