Infiziert und doch nicht krank


An düsteren Prognosen ist dieser Tage wahrlich kein Mangel, und von Verunsicherung zu reden ist schon fast euphemistisch. Es lässt sich kaum absehen, was die Corona-Pandemie auf lange Sicht für unseren Alltag bedeutet. Da ist es umso erstaunlicher, wie viele Menschen sich ausmachen lassen, die mit bemerkenswerter Sicherheit wissen, was zu tun ist. Doch gerade die, die am meisten über die Verbreitung des Virus wissen, die Virologen, gestehen ein, dass ihre Kenntnis mangels Daten und Erfahrung durchaus Grenzen hat. Das ist tröstlich, weil es daran erinnert, wie dünn das Eis ist, auf dem wir gehen.

Robert Kaltenbrunner | TELEPOLIS

Grafik: TP

Pandemie-bedingt waren und sind auch viele Menschen aus ganz anderen als „prekären“ Verhältnissen von Einschränkungen betroffen oder haben, zumindest zeitweise, einen Eindruck solcher Betroffenheit kennen lernen müssen: In Existenznot geratene Selbstständige, gut situierte Eltern in Sorge um die Bildung ihrer Kinder, Familien, die nicht in den Urlaub fahren können usw. Man kann durchaus behaupten, dass die Pandemie annähernd die gesamte Gesellschaft zwingt, Benachteiligungs-Situationen am eigenen Leib zu erfahren.

Die Corona-Krise hat über Nacht deutlich gemacht, wie abhängig die Stadt von der arbeitsteiligen Organisation städtischer Planungsvorgänge, Versorgungskreisläufe, Produktionswege und vieler einfacher Dienstleistungen ist – und wie wenig es braucht, diese außer Kraft zu setzen. „Die Idee einer rein konsumtiven Stadt“, so der Stadttheoretiker Kaye Geipel, „gründet auf einem mehrfachen Irrtum: Man bezahlt etwas, dann ist es da; man benutzt es und schmeißt es in den Müll, dann ist es wieder weg.“

Die Vorzüge der Stadt waren über Nacht passé. Dichte und kollektiv genutzte Güter sowie Infrastrukturen vermehren Ansteckungsgefahren, kleine Wohnungen muten wie Gefängnisse an, die Vielfalt der Formen des Zusammenlebens schrumpft auf Kernfamilien. Damit stellt sich akut die Frage, wie verändern die sanitären Sicherungsmaßnahmen die Leitbilder von Stadt, die ihrer Planung seit Dekaden unhinterfragt unterliegen.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich ein Verständnis für den Zusammenhang zwischen Städtebau, Hygiene und Epidemiologie in einer wissenschaftlichen Lesart herauskristallisiert. So wurden etwa hohe Außentemperaturen in Kombination mit mangelhaften hygienischen Verhältnissen in Städten mehr und mehr als Treiber von Krankheiten unterschiedlicher Art erkannt. Untersuchungen zum Zusammenhang von Kanalisation und Trinkwasserqualität oder von Sümpfen und Quartierstrukturen waren gleichermaßen Treiber für medizinische und städtebauliche Innovationen.

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