Die Welt aus den Fugen: Wenn Krisen keine Metaphern sind


Begegnen uns Krisen nur als das, was sie sind? Als Abweichungen vom sogenannten Normalzustand? Ist der Imperativ „Maske auf!“ gar ein subtiler Door Opener für politische Willkürakte?

Paul Sailer-Wlasits | TELEPOLIS

Grafik: TP

Was verbirgt sich hinter der gegenwärtig nicht enden wollenden Covid-19-Krise? Nur flüchtige Beklommenheit oder vorübergehende Bange? Steht hinter der Bezeichnung Krise, auf deren Bedeutung wir uns aus sprachlicher Konvention geeinigt haben, gar eine Metapher? Eine, die den Begriff der Krise auf ein ganz anderes, viel abgründigeres und wesentlich furchterregenderes Phänomen verweisen lässt?

Der Reihe nach: Schwere Krisen ereignen sich seit Jahrtausenden nahezu unentwegt. Von der Krise der Gesellschaft ist periodisch wiederkehrend die Rede, von Zeit zu Zeit dominiert jene der Wirtschaft, danach geraten abwechselnd Politik und Kultur in die Bredouille. Vorübergehend werden die Krisen der Kirche, immer wieder jene der Umwelt und Natur virulent; gegenwärtig raubt ein Virus der Welt den Atem. Katastrophen und Kalamitäten können je nach Opportunität stilisiert, beschworen und damit sprachlich verstärkt, angeheizt oder überhaupt erst medial erzeugt und in die Erscheinung gebracht werden.

Aufgrund der schieren Häufigkeit ihrer Anwendungsfälle vermeinen wir Krisen nicht nur zu kennen und zu erkennen, sobald wir diesen begegnen, sondern auch noch, diese in ihrer Substanz zu verstehen. Doch selbst wenn wir bereits wiederholt auf der einen oder anderen Ebene unserer Lebenswirklichkeit in Notsituationen geraten und auf Katastrophen gestoßen sind, haben wir alleine durch diese Begegnungen noch nicht verstanden, was Krisen ihrem Wesen nach sind; wovon die Rede ist, wenn man von Krisen spricht.

Krise als sprachliche Escape-Strategie

Was, wenn die Krise als Krise gar kein Phänomen im klassischen Sinne, sondern primär die metaphorische Beschreibung eines Symptoms darstellt? Jenes Symptoms, das erst dann entsteht, wenn wir vom verstörenden Eigentlichen der Angst ablenken, welches sich plötzlich in die Mitte des Daseins drängt. Falls dies zutrifft, existieren Krisen nicht als Phänomene, sondern als sprachliche Versuche, mithilfe der Metapher der Krise die menschliche Hinfälligkeit verbal zu rationalisieren: die Krise als Beschwörung der Angst.

Eine kurze Begriffsbestimmung soll zunächst der Vielgestaltigkeit des Terminus Krise einen Rahmen geben: Das altgriechische Nomen krísis bzw. sein Verb krínein umfasste einerseits die Bereiche des Sichtens, Unterscheidens und Trennens und andererseits die Aspekte des Entscheidens, Beurteilens, ja sogar jene des Verurteilens. Eine krísis eröffnete Möglichkeiten für einen sprachlichen Weg, auf dem Ansichten bestätigt, oder Unterschiede, mithin das Unterschiedene selbst sichtbar gemacht werden konnten.

Im sprachlichen Fortgang tendierten Situationen allmählich zu einer bestimmten Seite oder schlugen, etwa an einem Wendepunkt, in deren Gegenrichtung, in ein schieres Gegenteil um. Demgemäß hatte jener, der die Krise beim Wort nahm, stets die sprichwörtliche Qual der Wahl, sich nach dem Sichten der Fakten für die eine oder die andere Seite zu entscheiden, denn (Vor-)Urteile wollten immer schon gefällt werden.

Die bedrohliche Zuspitzung eines Verlaufes oder einer Entwicklung ist jenes Merkmal, das als offensichtlichstes Symptom der Krise zum Ausdruck gelangt und, einem Signum gleich, erkennbar wird. Symptome manifestieren sich jedoch stets als Wirkung, niemals als Ursache. Daher deuten und verweisen diese lediglich auf zugrunde liegende Ursachen, so wie eine Metapher auf das mit ihr Gemeinte verweist. Das Symptom macht den Bezug ex post sprachlich und auch wirkungspsychologisch nachvollziehbar.

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