Sorge vor den religiösen Populisten


Das Feindbild „Westen“ trägt zur Radikalisierung von Muslimen bei. Die innerislamischen Reformbemühungen gehören forciert – und es braucht einen echten Hausputz der Theologie

Marwan Abou Taam | DERSTANDARD

Der deutsche Islamwissenschafter Marwan Abou Taam fordert in seinem Gastkommentar eine „kritische Auseinandersetzung mit den überlieferten Texten und Auslegungen“. Dann könnte sich ein toleranter Islam durchsetzen. Lesen Sie dazu auch den Gastkommentar von Ednan Aslan, „Raus aus der Opferrolle“.

Recep Tayyip Erdoğan hat gerufen, seine Anhänger sind in Scharen gekommen: Satellitenaufnahme vom Freitagsgebet in der Hagia Sophia in Istanbul. Foto: Reuters/Maxar Technologies

Islamismus ist eine Ideologie, die auf Grundlage der islamischen Religion ein Herrschaftskonzept propagiert und das Ziel verfolgt, einen islamischen Staat zu errichten und die Gesellschaft nach den Vorgaben der islamischen Offenbarung umzugestalten. Während einige dies mit politischen Mitteln erreichen wollen, setzen Jihadisten auf Gewalt. Der gemeinsame Nenner ist jedoch die Politisierung des Islam, denn alle Islamisten formulieren ihr Anliegen stets mit religiösen Traditionen und Texten.

Als Vorlage dient hierbei die Gemeinde um den Propheten Mohammed in Medina vor 1.400 Jahren. Die Vitalität dieser ersten Eroberergenerationen sei das Produkt ihres besonderen Islamverständnisses. Aus dieser Argumentation wird die politische Mission der Islamisten deutlich. Sie urteilen nicht moralisch, sondern machtpolitisch. Entsprechend treten Islamisten nicht für mehr Spiritualität ein, sondern für die Islamisierung der Herrschaft.

Rückwärtsgerichtete Utopie

Besonders deutlich formulieren dies die Salafisten, denn sie haben es sich zum Ziel gemacht, den Urislam und seine damaligen Herrschaft- und Kulturzustände wiederherzustellen. Damit ist ihre Utopie rückwärtsgerichtet. Salafismus ist kein neues Phänomen. Bereits im neunten Jahrhundert trat Ahmad Ibn Hanbal mit der Forderung auf, die reine Textgläubigkeit zur religiösen Vorgabe zu machen. Dort, wo die Texte nicht offensichtlich genug sind, sollen sie nach dem Verständnis der Salaf, der Altvorderen, ausgelegt werden. Damals wie heute ist der Salafismus ein Ausdruck einer tiefen Abneigung gegen Philosophie, Logik und rationalen Verstand. Die große Mehrheit der islamischen Diskurse lehnte bisweilen diese Formen der religiösen Begründung ab.

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