„Die Gesellschaft muss sich genau überlegen, wo Israel-Kritik legitim ist“


Micha Brumlik über den Umgang mit Antisemitismus-Vorwürfen und mit Israel-Kritik – und über den offenen Brief an Angela Merkel, den er unterschrieben hat.

Bascha Mika | Frankfurter Rundschau

Herr Brumlik, Sie haben den offenen Brief an Angela Merkel unterzeichnet. Darin kritisieren Kulturschaffende, dass mit dem Vorwurf des Antisemitismus die Debatte um die israelische Besatzungspolitik erstickt wird. Werden Sie jetzt selbst als Antisemit beschimpft?

Das ist mir bisher erspart geblieben. Ich habe zwar einige abfällige Mails bekommen, aber als Antisemit hat mich noch niemand bezeichnet. Stattdessen heißt es, ich hätte vom Thema überhaupt keine Ahnung.

Und wie ist es Ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern ergangen?

Ich weiß nur von positiven Reaktionen. Ich selbst habe auch Zustimmung von renommierten Kollegen auf die Initiative erhalten.

Israel: Was ist Antisemitismus?

Wer bestimmt eigentlich, was antisemitisch ist?

Wir reden ja hier über den auf Israel bezogenen Antisemitismus. Da wird meist auf die Definition der International Holocaust Remembrance Alliance zurückgegriffen. Der IHRA nennt drei Kriterien: 1. Wer dem Staat Israel das Existenzrecht abspricht, ist antisemitisch. 2. Wer den Staat Israel dämonisiert – zum Beispiel durch die Behauptung, was die Israelis mit den Palästinensern machen sei auch nicht besser als das, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. Das dritte Kriterium, das ich nicht besonders tauglich finde, besagt, antisemitisch ist, wer dem Staat Israel etwas ankreidet, das anderen Staaten nicht vorgeworfen wird.

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