Hiroshimas Unglück und Heidelbergs Glück

Grafik: Atombomben auf Japan 1945

Während im Zweiten Weltkrieg fast alle deutschen Städte von den Alliierten in Schutt und Asche gelegt wurden, blieb dem idyllischen Heidelberg dieses Schicksal auf geheimnisvolle Weise erspart.

Erich Schmidt-Eenboom, Markus Kompa | TELEPOLIS

Bild Hiroshima: U.S. Department of Energy; Bild Heidelberg: Jwan Ibrahim / CC-BY-SA-3.0

Das Verschonen der Neckarstadt rief zwei Mythen auf den Plan: Heidelberg sei früh als Hauptquartier der US-Streitkräfte in Deutschland ins Auge gefasst worden und Dwight D. Eisenhower, seit Dezember 1943 Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa, habe hier studiert.

Beide Behauptungen sind aus der Luft gegriffen. Tatsächlich hatten Strategen in Washington nämlich das genaue Gegenteil im Sinn: Die Stadt mit ihren damals knapp 100.000 Einwohnern war als unverfälschtes Testgebiet für den ersten Abwurf der Atombombe reserviert.

Analog dem Kriterium für Nagasaki, das wegen seiner Kessellage ausgewählt worden war, standen auch Dresden und Heidelberg im nuklearen Zielkatalog. Der militärische Leiter des Manhattan-Projekts, Leslie Groves, bestätigte 1962 in seinen Memoiren1, dass US-Präsident Franklin Roosevelt ihn Anfang Februar 1945 angewiesen habe, Vorbereitungen für einen Atomwaffeneinsatz gegen Deutschland zu treffen, falls das NS-Regime bei der Fertigstellung der Bombe noch nicht besiegt sei. Das US-Verteidigungsministerium habe bereits die Industriezentren Ludwigshafen am Rhein und Mannheim als mögliche Ziele ausgewählt, während andere Kreise Berlin als möglichen Einsatzort der Atombombe favorisiert hätten.

Die bereits ausgebombten Städte Berlin, Mannheim und Ludwigshafen taugten nicht für den Ersteinsatz einer Atomwaffe, deren Auswirkung auf unzerstörte Ziele von einem Begleitflugzeug dokumentiert werden sollte, wie dann geschehen in Japan. Denn Berlin war ab dem 25. August 1940 wieder und wieder angegriffen worden, das Stadtgebiet von Mannheim war bereits am 1. Juni 1940 fast völlig zerstört worden und Ludwigshafen wurde im Oktober 1941 von der Royal Air Force bombardiert.

Doch erst am 16. Juli 1945 gelang auf den White Sands Proving Grounds in New Mexico mit dem Trinity-Test die erste erfolgreiche Zündung einer Atombombe auf Plutoniumbasis – gut zwei Monate nach der Kapitulation des Dritten Reichs, so dass Deutschland das nukleare Inferno erspart blieb, dem Elbflorenz allerdings nicht die massive Zerstörung im Februar 1945.

Offizielle Quellen für Heidelberg und Dresden als Zielgebiete sind nicht bekannt, jedoch war der legendäre „Atomspion“ Klaus Fuchs über solche Details informiert. Der deutschstämmige Nuklearphysiker war maßgeblich an der Konstruktion der Plutoniumbombe Fat Man beteiligt. 1950, vier Jahre nach seiner Rückkehr nach Großbritannien, wurde Fuchs als der sowjetische Spion entlarvt, der es Stalin ermöglicht hatte, das amerikanische Atomwaffenmonopol schnell zu brechen. Fuchs wurde 1959 begnadigt, ging in die DDR und arbeitete am Zentralinstitut für Kernforschung in Rossendorf bei Dresden. Bereits im April 1967 wurde er ins Zentralkomitee der SED aufgenommen und wechselte 1974 an die Akademie der Wissenschaften nach Berlin.2

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